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Die fröhliche Wissenschaft

Friedrich Nietzsche hatte die Folgebände zur Morgenröte im Sommer 1882 abgeschlossen: Die fröhliche Wissenschaft umfasst fünf Bücher, die durch ein Vorspiel in deutschen Reimen eingeleitet werden und mit den Liedern des Prinzen Vogelfrei ausklingen. Nach Ansicht der Handbuch-Autoren kommt Nietzsche in der fröhlichen Wissenschaft ganz zu sich selbst: Das Werk beinhaltet in nahezu ausnahmsloser Vollständigkeit die zentralen Denkfiguren und Sinnbilder, die sein Schaffen nach der sog. positivistischen Phase bestimmt hatten. Gleichwohl bleibt Nietzsche noch ein Erkennender, auch sich selbst gegenüber, wie er in der Sternenmoral des Vorspiels fordert: Nur ein Gebot gilt dir: sei rein! Gleichsam durch sich selbst will er das Allgemeine erkennen: wie ein Okular seiner Zeit. Safranski sieht Nietzsche nach der Morgenröte weiter die verschlungenen, labyrinthischen Wege vom Ich zum Sich, vom Ich zum Du, zum Wir, zum Ihr wandeln und ein riesiges Feld phänomenologischer Forschung eröffnen. Unter dem Titel Sternenfreundschaft reflektiert Nietzsche dabei auch die Freundschaft mit Rée: Wir waren Freunde und sind uns fremd geworden. Das Meeresmotiv aufgreifend fährt er fort: Wir sind zwei Schiffe, deren jedes sein Ziel und seine Bahn hat, wir können uns wohl kreuzen und ein Fest miteinander feiern ... Aber dann trieb uns die allmächtige Gewalt unserer Aufgabe wieder auseinander, in verschiedene Meere und Sonnenstriche.

Eine grobe Gliederung ist ob der vielen angeschlagenen Töne so schwer wie in der Morgenröte; sei aber auch für Die fröhliche Wissenschaft gewagt:

  1. Scherz, List und Rache: Vorspiel in deutschen Reimen
  2. Vom Zwecke des Daseins
  3. Das Wahre, Gute und Schöne
  4. Von der Entgötterung des Menschen und der Natur
  5. Hoch lebe die Physik!
  6. Vom ,,Genius der Gattung``
  7. Lieder des Prinzen Vogelfrei
Aus dem Vorspiel möchte ich einige Verse hervorheben:

Mein Glück.

Seit ich des Suchens müde ward,

Erlernte ich das Finden.

Seit mir ein Wind hielt Widerpart,

Segl' ich mit allen Winden.

Hier klingt wieder das Loblied auf die erkenntnisfördernde Wirkung der Kritik an: Inwiefern der Denker seine Feinde liebt. Hinsichtlich des offenen Wissenshorizonts, muss man auch mit den Gegenwinden zu segeln verstehen und seine Denkfreiheit aus der Einsicht in die Naturnotwendigkeit gewinnen. An Laotse und Epikur knüpft auch die Welt-Klugheit an:

Welt-Klugheit.

Bleib nicht auf ebnem Feld!

Steig nicht zu hoch hinaus!

Am schönsten sieht die Welt

Von halber Höhe aus.

In allem das rechte Maß finden zwischen den Extremen und die Fülle der Möglichkeiten zu nutzen wissen, die zwischen ihnen liegen:

Interpretation.

Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein:

Ich kann nicht selbst mein Interprete sein.

Doch wer nur steigt auf seiner eignen Bahn,

Trägt auch mein Bild zu hellerm Licht hinan.

Mögen die Bahnen auch verschieden sein, in der Vervollkommnung werden sich die Menschen gleich. Auf die eigne Bahn der Vervollkommnung gelangt aber nur, wer sich auch innerlich befreit:

Der Unfreie.

Er steht und horcht: was konnt ihn irren?

Was hört er vor den Ohren schwirren?

Was war's, das ihn darniederschlug?

Wie jeder, der einst Ketten trug,

Hört überall er - Kettenklirren.

Wer dem Weg der Erkenntnis folgt, ist ohne Neid:

Ohne Neid.

Ja, neidlos blickt er: und ihr ehrt ihn drum?

Er blickt sich nicht nach euren Ehren um;

Er hat des Adlers Auge für die Ferne,

Er sieht euch nicht! - er sieht nur Sterne, Sterne.

Das Vorspiel klingt aus mit einer Selbstvergewisserung im Ecce Homo und dem Gebot nach Reinheit in der Sternenmoral:

Ecce homo.

Ja! Ich weiss, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr' ich mich.

Licht wird Alles, was ich fasse,

Kohle Alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich.

Ein Künster, der sich im Schaffen selbst verzehrt, ist nicht nur hart gegen sich, sondern auch gegen andere. Ihn reizt nur das reine Sternenlicht:

Sternen-Moral.

Vorausbestimmt zur Sternenbahn,

Was geht dich, Stern, das Dunkel an?

Roll' selig hin durch diese Zeit!

Ihr Elend sei dir fremd und weit!

Der fernsten Welt gehört dein Schein:

Mitleid soll Sünde für dich sein!

Nur Ein Gebot gilt dir.- sei rein!

Das ERSTE BUCH handelt vom Zwecke des Daseins und hebt mit Nietzsches Gelächter über die Menschen an. Er findet sie nämlich immer nur mit Einer Aufgabe beschäftigt: Das zu tun, was der Erhaltung der menschlichen Gattung frommt. Seine Parodie gilt der Lehre von der Arterhaltung, die er nur als eine der vielen Zwecklehren der Lächerlichkeit Preis gibt. Wenn der Satz ,,die Art ist alles, einer ist immer keiner``- sich der Menschheit einverleibt hat und Jedem jederzeit der Zugang zu dieser letzten Befreiung und Unverantwortlichkeit offen steht. Vielleicht wird sich dann das Lachen mit der Weisheit verbündet haben, vielleicht giebt es dann nur noch ,,fröhliche Wissenschaft``. Einstweilen ist es noch ganz anders, einstweilen ist die Komödie des Daseins sich selber noch nicht ,,bewusst geworden``, einstweilen ist es immer noch die Zeit der Tragödie, die Zeit der Moralen und Religionen. Nach der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik geht es nunmehr um die Geburt der Komödie aus dem Geiste der Wissenschaft: die kurze Tragödie ging schließlich immer in die ewige Komödie des Daseins über und zurück. Zwecke des Daseins gibt es nicht! Und so nimmt es nicht wunder, dass Nietzsche den meisten Menschen das intellektuale Gewissen abspricht: die Allermeisten finden es nicht verächtlich, diess oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für und wider bewusst worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solche Gründe hinterdrein zu geben. Das immer wieder zur Redlichkeit mahnende intellektuale Gewissen steht für das ganze Programm der fröhlichen Wissenschaft und wird im Handbuch als der zentrale Abschnitt gewertet.

Zunächst muss sich der fröhlich-redliche Wissenschaftler die Fehlbarkeit des Bewusstseins eingestehen: Die Bewußtheit ist die letzte und späteste Entwicklung des Organischen und folglich auch das Unfertigste und Unkräftigste daran. Nicht das Bewusstsein stiftet die Einheit des Organismus, sondern seine physische Organisation, seine Leiblichkeit. Und so sieht Nietzsche es als herausfordernde Aufgabe an, das Wissen sich einzuverleiben und instinktiv zu machen; denn es könnte ja sein, daß alle unsere Bewußtheit sich auf Irrthümer bezieht. Vielleicht wäre der darwinsche Optimierungsalgorithmus auf unsere Bewusstheit übertragbar und wir könnten womöglich sogar aus unseren Irrtümern lernen? Ich werde darauf zurückkommen.

Nietzsche versteht Das Arterhaltende utilitaristisch und hält der Zweckmäßigkeit die Funktion entgegen. Ebenso wie gut und böse nur zwei Extreme eines Zusammenhangs sind, verhält es sich auch mit Lust und Unlust. In der Regel wird mit dem Guten auch das Böse und mit der Lust ebenso die Unlust gefördert. Diese Einsicht ist auch aus dem Kreativitätsgewinn seines Leidens zu verstehen - und aus der Lehre vom Machtgefühl. Mit Wohltun und Wehetun übt man seine Macht an anderen aus - mehr will man dabei nicht! Der Schmerz fahndet stets nach der Ursache, während die Lust sich selbst zu genügen scheint. Wer da empfindet ,,ich bin im Besitz der Wahrheit``, wie viele Besitztümer läßt der nicht fahren, um diese Empfindung zu retten! Die Art des Machtzuwachses ist eine Frage des Temperaments und so ist Mitleid das angenehmste Gefühl bei solchen, welche wenig stolz sind und keine Aussicht auf große Eroberungen haben: für sie ist die leichte Beute - und das ist jeder Leidende - etwas Entzückendes. Auch das Lob des Selbstlosen ist nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen! Der ,,Nächste`` lobt die Selbstlosigkeit, weil er durch sie Vorteile hat! Da lobt Nietzsche lieber die Unhöflichkeit jenes Dichters, auf dessen Tür zu lesen war: Wer hier eintritt, wird mir eine Ehre erweisen; wer es nicht tut, ein Vergnügen. Der Dichter liebt die Einsamkeit und hat sein Vergnügen daran. Nur der Herden-Instinkt in uns fürchtet sie. Gegenüber dem Herden-Instinkt verfolgt der Dichter mit der Wahl seiner Einsamkeit den Wahrheitssinn, um der Skepsis mit einem Experiment zu begegnen.

Gegen Ende des ersten Buches nimmt Nietzsche die Philosophie der Freude Epikurs wieder auf; allerdings unter dem Aspekt, das Glück des Nachmittags des Altertums zu genießen - ich sehe sein Auge auf ein weites weissliches Meer blicken, über Uferfelsen hin, auf denen die Sonne liegt, während grosses und kleines Gethier in ihrem Lichte spielt, sicher und ruhig wie diess Licht und jenes Auge selber. Solch ein Glück hat nur ein fortwährend Leidender erfinden können, das Glück eines Auges, vor dem das Meer des Daseins stille geworden ist, und das nun an seiner Oberfläche und an dieser bunten, zarten, schaudernden Meeres-Haut sich nicht mehr satt sehen kann: es gab nie zuvor eine solche Bescheidenheit der Wollust. Epikurs Auge gerät Nietzsche sodann zum Bewußtsein vom Scheine: Ich habe für mich entdeckt, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, fortliebt, forthasst, fortschliesst, - ich bin plötzlich mitten in diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume und dass ich weiterträumen muss, um nicht zu Grunde zu gehen: wie der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was ist mir jetzt ,,Schein``! Gegenüber dem Sein wird ihm der Schein das Wirkende und Lebende selber und die Allgemeinheit der Träumerei steigert er zur Allverständlichkeit aller dieser Träumenden untereinander. Nach diesem wohl nur experimentell gemeinten metaphysischen Höhenflug macht er sich über die Begierde nach Leiden lustig. Die Millionen junger Europäer verstehen mit sich nichts anzufangen - und so malen sie das Unglück anderer an die Wand: sie haben immer andere nötig! Wer die Langeweile und sich selber nicht ertragen kann, sollte nicht aus dem Leiden anderer, aus dem Unglück von außen, einen Grund zum Tun hernehmen, sondern aus sich heraus schaffen und damit dem Glücke inne werden. Mit diesem Glücksversprechen Epikurs hat der Neo-Kyniker auch sein eigenes Glück an die Wand gemalt.

Im ZWEITEN BUCH macht Nietzsche sich zunächst über die Realisten lustig: Ihr nüchternen Menschen, die ihr euch gegen Leidenschaft und Phantasterei gewappnet fühlt und gerne einen Stolz und einen Zierath aus eurer Leere machen möchtet, ihr nennt euch Realisten und deutet an, so wie euch die Welt erscheine, so sei sie wirklich beschaffen. Ein derart naiver Realismus ist natürlich leicht widerlegbar und sogleich geht er die Künstler an: Und was ist für einen verliebten Künstler ,,Wirklichkeit``! Immer noch tragt ihr die Schätzungen der Dinge mit euch herum, welche in den Leidenschaften und Verliebtheiten früherer Jahrhunderte ihren Ursprung haben! Die Lösung des Wirklichkeitsproblems sieht Nietzsche im Schaffen und knüpft damit an das Bewusstsein vom Scheine an: Nur als Schaffende können wir die sogenannte ,,Wirklichkeit`` vernichten! Aber vergessen wir auch diess nicht: es genügt, neue Namen und Schätzungen und Wahrscheinlichkeiten zu schaffen, um auf die Länge hin neue ,,Dinge`` zu schaffen. Auf diesen konstruktiven Aspekt der Philosophie werde ich später weiter eingehen. Wenn Dinge nur dann als existierend anerkannt werden, wenn sie geschaffen bzw. (re)konstruiert worden sind, kommt es offensichtlich entscheidend auf die Methodologie der Konstruktionsverfahren an. Schaffende müssen stark sein, aber auch Schwache können Stärke zeigen: Alle Frauen sind fein darin, ihre Schwäche zu übertreiben, ja sie sind erfinderisch in Schwächen, um ganz und gar als zerbrechliche Zierathen zu erscheinen, denen selbst ein Stäubchen wehe thut: ihr Dasein soll dem Manne seine Plumpheit zu Gemüthe führen und in's Gewissen schieben. So wehren sie sich gegen die Starken und alles ,,Faustrecht``. Allen hat diese Stärke der Frauen als passive Aggressivität thematisiert. Jenseits aller Geschlechtsspezifizität stehen die impliziten Systemeigenschaften des Gefühls den expliziten Konstruktionen des Verstandes gegenüber. Auch die Wahrheit wird methodisch konstruiert durch neue Namen und Schätzungen und Wahrscheinlichkeiten; aber darf es bei diesem Annäherungsprozess ernst zugehen? So ist es möglich, dass Einer gerade mit seinem Pathos von Ernsthaftigkeit verräth, wie oberflächlich und genügsam sein Geist bisher im Reiche der Erkenntniss gespielt hat.- Und ist nicht Alles, was wir wichtig nehmen, unser Verräther? Es zeigt, wo unsere Gewichte liegen und wofür wir keine Gewichte besitzen. Auf die richtige Gewichtung der Wahrscheinlicheiten im Fortgang persönlicher Erfahrung und empirischer Untersuchung kommt es an.

Wie bei der Wahrheit so auch bei den Philosophen. Die Anhänger Schopenhauers vergleicht Nietzsche in spöttischer Weise mit der Begegnung von Barbaren und Kulturvölkern: daß regelmäßig die niedere Cultur von der höheren zuerst deren Laster, Schwächen und Ausschweifungen annimmt. Und was pflegen nun die Anhänger Schopenhauer's in Deutschland von ihrem Meister anzunehmen? Seinen harten Tatsachen-Sinn? Die Stärke seines intellektualen Gewissens? Oder seine unsterblichen Lehren von der Intellektualität der Anschauung, von der Apriorität des Kausalgesetzes, von der Werkzeug-Natur des Intellekts und der Unfreiheit des Willens? Nein, das alles bezaubert nicht und wird nicht als bezaubernd gefühlt: aber die mystischen Verstiegenheiten und Ausflüchte Schopenhauer's an jenen Stellen, wo der Tatsachen-Denker sich vom eitlen Triebe, der Enträthseler der Welt zu sein, verführen und verderben liess, die unbeweisbare Lehre von Einem Willen, die Leugnung des Individuums, die Schwärmerei vom Genie, der Unsinn vom Mitleide und der in ihm ermöglichten Durchbrechung des principii individuationis. Die mystischen Verstiegenheiten Schopenhauers werden später auch an Nietzsche zu kritisieren sein. Der wirft nach seinem Bruch mit Wagner diesem noch all das vor, was er gerade den typischen Anhängern Schopenhauers vorgehalten hatte: Ausschweifungen und Laster des Philosophen werden immer am ersten angenommen und zur Sache des Glaubens gemacht. Ob Nietzsche damit vielleicht schon seine eigenen Anhänger gemeint haben mag?

Nach der Enthronung des Wirklichen und Wahren untergräbt Nietzsche auch das Gute und Schöne. Nicht die Künstler sind ihm die Taxatoren des Glückes und des Glücklichen, auch wenn sie sich immer wieder darum drängen. Die wirklichen Taxatoren sind die Reichen und die Müßigen. Abschließend singt Nietzsche noch das Loblied auf die Kunst. Ihr gilt seine letzte Dankbarkeit, gerade weil Schreiben für ihn eine Notdurft ist: Hätten wir nicht die Künste gut geheissen und diese Art von Cultus des Unwahren erfunden: so wäre die Einsicht in die allgemeine Unwahrheit und Verlogenheit, die uns jetzt durch die Wissenschaft gegeben wird - die Einsicht in den Wahn und Irrthum als in eine Bedingung des erkennenden und empfindenden Daseins -, gar nicht auszuhalten. Die Redlichkeit würde den Ekel und den Selbstmord im Gefolge haben. Nun aber hat unsere Redlichkeit eine Gegenmacht, die uns solchen Consequenzen ausweichen hilft: die Kunst, als den guten Willen zum Scheine. Die macht ihm den Erkenntnisekel erträglich, den die Redlichkeit der Wissenschaft nach sich zieht: Und gerade weil wir im letzten Grunde schwere und ernsthafte Menschen und mehr Gewichte als Menschen sind, so thut uns Nichts so gut als die Schelmenkappe: wir brauchen sie vor uns selber - wir brauchen alle übermüthige, schwebende, tanzende, spottende, kindische und selige Kunst, um jener Freiheit über den Dingen nicht verlustig zu gehen, welche unser Ideal von uns fordert.

Das DRITTE BUCH handelt von der Entgötterung des Menschen und der Natur. Im Handbuch wird die Parabel vom tollen Menschen als der zentrale geschichtsphilosophische Text hervorgehoben; denn durch den ,,Tod Gottes`` werde alle bisherige wie zukünftige Geschichte neu interpretiert. Sloterdijk sieht in dem Auftritt des Neo-Kynikers gleichsam ein metaphysisches Happening auf gottverlassener Bühne veranstaltet: Der tolle Mensch.- Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ,,ich suche Gott! Ich suche Gott!`` - Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ,,Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet,- ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder!`` Nach einer Tirade von Anklagen und Selbstzweifeln bringt der tolle Mensch seine Laterne gewaltsam zum Erlöschen: ,,Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert,- es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.`` Mit den Schatten der Götter und den Nachwirkungen ältester Religiösität werden wir noch lange zu kämpfen haben: Nachdem Buddha todt war, zeigte man noch Jahrhunderte lang seinen Schatten in einer Höhle,- einen ungeheuren schauerlichen Schatten. Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt.- Und wir - wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!

Fortan durchkämmt Nietzsche die verschiedenen Gebiete der Natur und des Menschen, der Erkenntnis und Moral, der Geschichte und Metaphysik, der Kunst und der Tugend, um den vielfältigen Verschattungen das Licht seines Esprits entgegenzusetzen: Homo poeta.- ,,Ich selber, der ich höchst eigenhändig diese Tragödie der Tragödien gemacht habe, soweit sie fertig ist; ich, der ich den Knoten der Moral erst in's Dasein hineinknüpfte und so fest zog, dass nur ein Gott ihn lösen kann,- so verlangt es ja Horaz! - ich selber habe jetzt im vierten Act alle Götter umgebracht,- aus Moralität! Was soll nun aus dem fünften werden! Woher noch die tragische Lösung nehmen! - Muss ich anfangen, über eine komische Lösung nachzudenken?`` Eine äußerst komische Lösung wird Allen in seinem Einakter Gott finden. Aber davon später. Hinsichtlich der Natur und des Menschen fragt Nietzsche sich: Wann werden wir anfangen dürfen, uns Menschen mit der reinen, neugefundenen, neu erlösten Natur zu vernatürlichen? Wie sind Erkenntnis, Wahrheit und Leben in Einklang zu bringen? Die Kraft der Erkenntnisse liegt nicht in ihrem Grade von Wahrheit, sondern in ihrem Alter, ihrer Einverleibtheit, ihrem Charakter als Lebensbedingung. Wo Leben und Erkennen in Widerspruch zu kommen schienen, ist nie ernstlich gekämpft worden; da galt Leugnung und Zweifel als Tollheit. Eine lebbare Wissenschaft wäre ein Experiment wert: Inwieweit verträgt die Wahrheit die Einverleibung?- Das ist die Frage, das ist das Experiment. Könnten wir mit unseren ,,Wahrheiten`` einverleibt überleben, so wie es uns die Erbanlagen und unsere Köperfunktionen ermöglichen? Wie in der Evolutionstheorie geht es hier um die Erkenntnisförmigkeit des Lebens. Zur Herkunft des Logischen hebt Nietzsche hervor: Der Verlauf logischer Gedanken und Schlüsse in unserem jetzigen Gehirne entspricht einem Processe und Kampfe von Trieben, die an sich einzeln alle sehr unlogisch und ungerecht sind; wir erfahren gewöhnlich nur das Resultat des Kampfes: so schnell und so versteckt spielt sich jetzt dieser uralte Mechanismus in uns ab. Und über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung gibt er zu bedenken: eine solche Zweiheit giebt es wahrscheinlich nie,- in Wahrheit steht ein continuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isoliren. Die Natur bildet ein holistisches Ganzes, aus dem nur näherungsweise Teile herausgenommen und für sich betrachtet werden können.

Nietzsche täuscht sich nicht über den Umfang des Moralischen.- Wir construiren ein neues Bild, das wir sehen, sofort mit Hülfe aller alten Erfahrungen, die wir gemacht haben, je nach dem Grade unserer Redlichkeit und Gerechtigkeit. Es giebt gar keine anderen als moralische Erlebnisse, selbst nicht im Bereiche der Sinneswahrnehmung. Im Einklang mit der Humanität, Menschlichkeit und ,,Menschenwürde`` lebt der Mensch mit vier Irrthümern. Er sieht sich erstens nur unvollständig, zweitens legt er sich erdichtete Eigenschaften bei. Drittens fühlt er sich in einer falschen Rangordnung zur Natur und viertens erfindet er ständig neue Gütertafeln zur Schätzung seiner Triebe und Zustände. Der Mensch ist durch seine Irrthümer erzogen worden. Retten wir die religiösen Gefühle für die Erkenntnis! Bedenken wir das Neue in der Geschichte, daß die Erkenntnis wahr sein will als ein Mittel. Damit eröffnet sich Nietzsche wieder ein Horizont im Ideenozean, allerdings mit Blick ins Unendliche: Im Horizont des Unendlichen.- Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns,- mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! sieh' dich vor! Neben dir liegt der Ocean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da, wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, dass er unendlich ist und dass es nichts Furchtbareres giebt, als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stösst! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre,- und es giebt kein ,,Land`` mehr!

Die Furchtsamkeit angesichts eines endlos expandierenden Universums treibt auch die Helden Allens in seinen Filmen um. Und die Vorbehalte gegenüber dem bloßen Denken sind ihm ebenfalls nicht fremd. Für den Neo-Kyniker sind die Gedanken nur die Schatten unserer Empfindungen - immer dunkler, leerer, einfacher als diese. Und so versteht sich ein Denker darauf, die Dinge einfacher zu nehmen, als sie sind. Noch einfacher als die Gedanken sind aber die Worte; denn man kann seine Gedanken nicht ganz in Wort wiedergeben. Zum Glück haben wir die Mathematik, der es gelingt unsere menschliche Relation zu den Dingen festzustellen. Die Feinheit und Strenge der Mathematik übertrifft nicht nur bei weitem unsere Worte, Gedanken und Sinne, sie erschließt uns sogar das endlos expandierende Universum.

Zum Schluss des dritten Buches werden die Aphorismen immer kürzer. Vier seien hervorgehoben:

Was wir thun.- Was wir thun, wird nie verstanden, sondern immer nur gelobt und getadelt.

Letzte Skepsis.- Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? - Es sind die unwiderlegbaren Irrthümer des Menschen.

Woran glaubst du? - Daran: dass die Gewichte aller Dinge neu bestimmt werden müssen.

Was sagt dein Gewissen? - Du sollst der werden, der du bist.

Das VIERTE BUCH hebt an mit dem Gedicht Sanctus Januarius, Genua im Januar 1882:

Sanctus Januarius.

Der du mit dem Flammenspeere

Meiner Seele Eis zertheilt,

Dass sie brausend nun zum Meere

Ihrer höchsten Hoffnung eilt:

Heller stets und stets gesunder,

Frei im liebevollsten Muss:-

Also preist sie deine Wunder,

Schönster Januarius!

Nietzsche ist erwartungsfroh, voller Tatendrang und Schaffenslust. Er fühlt sein Denken im Einklang mit seinem Leben und der Physik: Zum neuen Jahre.- Noch lebe ich, noch denke ich: ich muss noch leben, denn ich muss noch denken. Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum. Heute erlaubt sich Jedermann seinen Wunsch und liebsten Gedanken auszusprechen: nun, so will auch ich sagen, was ich mir heute von mir selber wünschte und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief,- welcher Gedanke mir Grund, Bürgschaft und Süssigkeit alles weiteren Lebens sein soll! Ich will immer mehr lernen, das Nothwendige an den Dingen als das Schöne sehen:- so werde ich Einer von Denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Grossen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein! Trotz aller Hochstimmung, das gottverlassene Universum erstürmen und sein Leben in Freiheit selbst in die Hand nehmen zu können, sieht er aber auch die Kehrseite seiner Persönlichen Providenz.- Es giebt einen gewissen hohen Punct des Lebens: haben wir den erreicht, so sind wir mit all unserer Freiheit, und so sehr wir dem schönen Chaos des Daseins alle fürsorgende Vernunft und Güte abgestritten haben, noch einmal in der grössten Gefahr der geistigen Unfreiheit und haben unsere schwerste Probe abzulegen. Wenn uns alle Dinge fortwährend zum Besten gereichen, wird das Leben immer nur einen Satz neu beweisen: sei es, was es sei, böses wie gutes Wetter, der Verlust eines Freundes, eine Krankheit, eine Verleumdung, das Ausbleiben eines Briefes, die Verstauchung eines Fusses, ein Blick in einen Verkaufsladen, ein Gegenargument, das Aufschlagen eines Buches, ein Traum, ein Betrug: es erweist sich sofort oder sehr bald nachher als ein Ding, das ,,nicht fehlen durfte``.

Trotz der Harmonie, in der er sich wähnt, schreibt er sie nicht nur sich selber zu, sondern auch wieder dem lieben Zufall. Und zwischen all dem Lärm des quellenden Lebens in den Gassen Genuas scheint ihm die Stille des Todes auf - im Meeresmotiv: der Ozean und sein ödes Schweigen wartet ungeduldig hinter all dem Lärme. Nach dem Verlust eines Freundes durch Betrug und Verleumdung gedenkt Nietzsche seiner Sternenfreundschaft mit Paul Rée und Lou Salomé. In einem Brief beklagt er sich darüber, dass seine Schwester Frl. Salomé auf Lüge und Sinnlichkeit reduziert und in ihr und Dr. Rée nichts weiter als zwei ,,Lumpen`` gesehen habe. Jeder Freund ist ein Schiff, deren jedes sein Ziel und seine Bahn hat. Nachdem sich die Schiffe kreuzten, im Hafen lagen und ein Fest feierten, ruft doch wieder die Aufgabe zum Auslaufen in verschiedene Meere und Sonnenstriche. An dieses Bild knüpft Nietzsche an, wenn er neue Philosophen fordert: Eine neue Gerechtigkeit thut noth! Und eine neue Losung! Und neue Philosophen! Auch die moralische Erde ist rund! Auch die moralische Erde hat ihre Antipoden! Auch die Antipoden haben ihr Recht des Daseins! Es giebt noch eine andere Welt zu entdecken - und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Philosophen! Eine ,,Relativitätstheorie der Moral`` hat gerade wieder Martin Walser eingefordert in seinem Roman Angstblüte. Ich werde darauf zurückkommen.

Mit dieser Strenge der Wissenschaft steht es nun wie mit der Form und Höflichkeit der allerbesten Gesellschaft:- sie erschreckt den Uneingeweihten, fährt Nietzsche fort und stilisiert sich als Nebenbuhler des Lichtstrahls, um der Erde Licht zu bringen, ja, ,,das Licht der Erde`` zu sein. Gegen die Verleumder der Natur fühlt er sich als freigeborener Vogel, um den es immer frei und sonnenlicht sei. Von der Lichtmetapher geht er zum Motiv von Wille und Welle über: So leben die Wellen - so leben wir, die Wollenden! Wer denkt da nicht sogleich an die Wellen Virginia Woolfs? Auch als Interpreten ihrer Erlebnisse haben sich die beiden verstanden. Entgegen dem Wunderglauben der Religionsstifter wollen die Vernunftdurstigen ihren Erlebnissen so streng ins Auge sehen, wie einem wissenschaftlichen Versuche, Stunde und Stunde, Tag um Tag! Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchsthiere sein! Nietzsche will für sich kein Suchender sein, sondern seine eigne Sonne schaffen. Das Leben darf ihm ein Experiment des Erkennenden sein und keine Pflicht, Verhängnis oder Betrügerei! ,,Das Leben ein Mittel der Erkenntniss`` - mit diesem Grundsatze im Herzen kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich lachen! Dabei ist ihm Erkenntnis ein Resultat aus den verschiedenen und sich widerstrebenden Trieben des Verlachen-, Beklagen- und Verwünschenwollens. Da der allergrößte Teil unseres geistigen Wirkens uns unbewußt, ungefühlt verläuft, kann gerade der Philosoph am leichtesten über die Natur des Erkennens irregeführt werden. Und so lässt der Philosoph die Physik hochleben: Hoch die Physik! - Wie viele Menschen verstehen denn zu beobachten! Und unter den wenigen, die es verstehen,- wie viele beobachten sich selber! Der für die fröhliche Wissenschaft zentrale Essay über die Physik nimmt auch wieder das Motiv der Redlichkeit auf: Wir aber wollen Die werden, die wir sind,- die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Nothwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können,- während bisher alle Werthschätzungen und Ideale auf Unkenntniss der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! Und höher noch das, was uns zu ihr zwingt,- unsre Redlichkeit! Wie die Physik erstmals mit Demokrit und später mit Galilei die Religion überwand, so überwindet sie auch das Leiden und Mitleiden - und eröffnet Glück und Mitfreude! Von der Mitfreude ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Preisen der Vita femina. Damit will Nietzsche sagen, dass die Welt übervoll von schönen Dingen ist, aber trotzdem arm, sehr arm an schönen Augenblicken und Enthüllungen dieser Dinge. Aber vielleicht ist diess der stärkste Zauber des Lebens: es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm, verheissend, widerstrebend, schamhaft, spöttisch, mitleidig, verführerisch. Ja, das Leben ist ein Weib!

Nach dem Finale im Steigern der Leichtigkeit des Leben durch die Mitfreude an seiner Weiblichkeit fällt Nietzsche unversehens aus der lichten Höhe in die dunkle Tiefe: Das grösste Schwergewicht.- Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: ,,Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge - und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht - und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!`` - Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Mit der Schwere im Gedanken der ewigen Wiederkunft fällt Nietzsche aus der Komödie des Daseins abschließend in die Tragödie: Incipit tragoedia.- Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimath und den See Urmi und gieng in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde. Endlich aber verwandelte sich sein Herz,- und eines Morgens stand er mit der Morgenröthe auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: ,,Du grosses Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht Die hättest, welchen du leuchtest! Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Höhle: du würdest deines Lichtes und dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange; aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen Überfluss ab und segneten dich dafür. Siehe! Ich bin meiner Weisheit überdrüssig, wie die Biene, die des Honigs zu viel gesammelt hat, ich bedarf der Hände, die sich ausstrecken, ich möchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder einmal ihrer Thorheit und die Armen wieder einmal ihres Reichthums froh geworden sind. Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du überreiches Gestirn! - ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will. So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses Glück sehen kann! Segne den Becher, welcher überfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm fliesse und überallhin den Abglanz deiner Wonne trage! Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch werden.`` - Also begann Zarathustra's Untergang.

Am Zarathustra begann Nietzsche im Jan. 1883 zu schreiben. Der Schluss des vierten Buches der fröhlichen Wissenschaft ist zugleich das erste Kapitel von Also sprach Zarathustra. Es ist das Buch eines prophetischen Menschen, von dem Nietzsche selber sagt, daß prophetische Menschen sehr leidende Menschen sind. Im Ecce Homo erinnert er sich, daß ihm der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke erstmals im Aug. 1881 während eines Spaziergangs am See von Silvaplana gekommen sei. Während der Wanderung am Monte Sacro hatte Friedrich auch Lou den Ewigen-Wiederkunfts-Gedanken nahezubringen versucht. Ihrer Erinnerung nach war die Wiederkunfts-Idee damals für Nietzsche noch keine Überzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Zur höchsten Formel der Bejahung im amor fati stilisierte er den Gedanken erst im Jan. 1883, gleichsam zur Wiederkehr des SANCTUS JANUARIUS aus dem Jahr zuvor. Für Salomé hat Nietzsche die alte indische Lehre der ewigen Wiedergeburt geradezu umgekehrt: Nicht Befreiung von dem Wiederkunftszwange, sondern freudige Bekehrung zu ihm, ist das Ziel höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirvana, sondern Sansara der Name für das höchste Ideal. Salomé zufolge wollte Nietzsche den Gedanken naturwissenschaftlich fundieren und sich sogar einem einschlägigen Studium unterziehen.

Im FÜNFTEN BUCH geht es nach dem Zwischenspiel der Incipit Tragoedia unter dem Titel Wir Furchtlosen in Heiterkeit weiter: Was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat.- Das grösste neuere Ereigniss,- dass ,,Gott todt ist``, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist - beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen. Nach dem Niedergang der Religion erscheint dem Philosophen und ,,freien Geist`` der Horizont endlich wieder frei, gesetzt selbst, dass er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagniss des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so ,,offnes Meer``. Selbstkritisch fragt sich der Schiffer auf offener See sogleich: inwiefern auch wir noch fromm sind. Liegt nicht ebenso der Wissenschaft noch ein ,,Glaube`` zu Grunde? Dieser unbedingte Wille zur Wahrheit: was ist er? Ist es der Wille, sich nicht täuschen zu lassen? Ist es der Wille, nicht zu täuschen? Auch die angeblich so objektive und wertneutrale Wissenschaft ruht auf einem normativen Fundament: ,,ich will nicht täuschen, auch mich selbst nicht``:- und hiermit sind wir auf dem Boden der Moral. Damit führt die Frage: wozu Wissenschaft? zurück auf das moralische Problem: wozu überhaupt Moral, wenn Leben, Natur, Geschichte ,,unmoralisch`` sind? Der Neo-Kyniker sieht die Moral als Problem, solange noch niemand ihren Wert geprüft hat. Die abgeschmackte Attitüde, Mensch gegen Welt, hinter sich lassend, keimt in ihm der Argwohn gegenüber der anderen Welt, die wir selber sind. Die Europäer sieht er damit vor das furchtbare Entweder-Oder gestellt: ,,entweder schafft eure Verehrungen ab oder - euch selbst!`` Das letztere wäre der Nihilismus; aber wäre nicht auch das erstere - der Nihilismus?- Das ist unser Fragezeichen. Die beiden Pole dieser furchtbaren Alternative trennen Gläubige und Gelehrte. Je schwächer einer ist, desto stärker sein Glaube. Der Fanatismus ist dabei die einzige ,,Willensstärke``, zu der auch die Schwachen und Unsicheren gebracht werden können. Dem Fanatismus der Gläubigen stellt Nietzsche den Darwinismus der Gelehrten gegenüber. Nur Menschen in Notlagen, wie sie bei den zumeist aus dem ,,Volk`` stammenden Naturforschern nicht selten waren, überbetonen den Selbsterhaltungstrieb und den ,,Kampf ums Dasein``. Für Nietzsche ist er nur eine Ausnahme, eine zeitweilige Restriktion des Lebenswillens; der grosse und kleine Kampf dreht sich allenthalben um's Übergewicht, um Wachsthum und Ausbreitung, um Macht, gemäss dem Willen zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. Nietzsches Abgrenzung vom Darwinismus beruht dabei auf seiner Abneigung vor der Propaganda der Darwinisten. Hätte er Darwin selbst gelesen, wäre ihm der Redlichkeit folgend womöglich die Vereinbarkeit seiner ,,Machtphilosophie`` mit dem Darwinschen Optimierungsalgorithmus aufgefallen; wollte er doch die Feinheit und Strenge der Mathematik in alle Wissenschaften hineintreiben.

Auf die Evolutionstheorie folgt der zentrale Essay Vom Genuis der Gattung. Für Safranski thematisiert Nietzsche darin bei seiner Erkundung der terra incognita des Menschen den Gesichtspunkt der Unaussprechlichkeit der Individualität und der Selbstvermeidung. In atemberaubendem Tempo und beispielloser Verdichtung entfaltet Nietzsche das Problem des Bewusstseins. Dabei geht er aus vom Gegenteil des Sich-Bewußt-Werdens: Könnten wir nicht auch leben, ohne dass uns einiges ins Bewusstsein träte? Das ganze Leben wäre möglich, ohne dass es sich gleichsam im Spiegel sähe: wie ja thatsächlich auch jetzt noch bei uns der bei weitem überwiegende Theil dieses Lebens sich ohne diese Spiegelung abspielt. Die Entstehung des Bewusstseins folgt erst aus der Mitteilungsbedürftigkeit des Menschen: Bewusstsein ist eigentlich nur ein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch,- nur als solches hat es sich entwickeln müssen: der einsiedlerische und raubthierhafte Mensch hätte seiner nicht bedurft. Dabei gehen die Entwicklung der Sprache und die Entwicklung des Bewusstseins (nicht der Vernunft, sondern allein des Sichbewusst-werdens der Vernunft) Hand in Hand. Der Zeichen-erfindende Mensch ist zugleich der immer schärfer seiner selbst bewusste Mensch. Nietzsche fasst seinen Gedanken noch einmal zusammen und spannt einen faszinierenden Bogen über die Volks-Metaphysik bis hin zum Erkenntnisproblem.

Die Tragweite seines Gedankens rechtfertigt ein längeres Zitat: Mein Gedanke ist, wie man sieht: dass das Bewusstsein nicht eigentlich zur Individual-Existenz des Menschen gehört, vielmehr zu dem, was an ihm Gemeinschafts- und Heerden-Natur ist; dass es, wie daraus folgt, auch nur in Bezug auf Gemeinschafts- und Heerden-Nützlichkeit fein entwickelt ist, und dass folglich Jeder von uns, beim besten Willen, sich selbst so individuell wie möglich zu verstehen, ,,sich selbst zu kennen``, doch immer nur gerade das Nicht-Individuelle an sich zum Bewusstsein bringen wird, sein ,,Durchschnittliches``,- dass unser Gedanke selbst fortwährend durch den Charakter des Bewusstseins - durch den in ihm gebietenden ,,Genius der Gattung`` - gleichsam majorisirt und in die Heerden-Perspektive zurück-übersetzt wird. Unsre Handlungen sind im Grunde allesammt auf eine unvergleichliche Weise persönlich, einzig, unbegrenzt-individuell, es ist kein Zweifel; aber sobald wir sie in's Bewusstsein übersetzen, scheinen sie es nicht mehr ... Diess ist der eigentliche Phänomenalismus und Perspektivismus, wie ich ihn verstehe: die Natur des thierischen Bewusstseins bringt es mit sich, dass die Welt, deren wir bewusst werden können, nur eine Oberflächen- und Zeichenwelt ist, eine verallgemeinerte, eine vergemeinerte Welt,- dass Alles, was bewusst wird, ebendamit flach, dünn, relativ-dumm, generell, Zeichen, Heerden-Merkzeichen wird, dass mit allem Bewusstwerden eine grosse gründliche Verderbniss, Fälschung, Veroberflächlichung und Generalisation verbunden ist. Zuletzt ist das wachsende Bewusstsein eine Gefahr; und wer unter den bewusstesten Europäern lebt, weiss sogar, dass es eine Krankheit ist. Es ist, wie man erräth, nicht der Gegensatz von Subjekt und Objekt, der mich hier angeht: diese Unterscheidung überlasse ich den Erkenntnisstheoretikern, welche in den Schlingen der Grammatik (der Volks-Metaphysik) hängen geblieben sind. Es ist erst recht nicht der Gegensatz von ,,Ding an sich`` und Erscheinung: denn wir ,,erkennen`` bei weitem nicht genug, um auch nur so scheiden zu dürfen. Wir haben eben gar kein Organ für das Erkennen, für die ,,Wahrheit``: wir ,,wissen`` (oder glauben oder bilden uns ein) gerade so viel als es im Interesse der Menschen-Heerde, der Gattung, nützlich sein mag: und selbst, was hier ,,Nützlichkeit`` genannt wird, ist zuletzt auch nur ein Glaube, eine Einbildung und vielleicht gerade jene verhängnissvollste Dummheit, an der wir einst zu Grunde gehn. Wir leben in einer Scheinwelt des Dazwischen, die bloße Oberfläche ist und weder das Selbst enthüllt noch die Natur erfasst; dafür aber die soziale Lebenswelt als unser Medium ausmacht. In ihr leben wir so selbstverständlich wie die Fische im Wasser.

Die sprachanalytisch geläuterten Erkenntnistheoretiker haben sich unterdessen den Schlingen der Grammatik entwunden,- aber das Volk? Die Grammatik ist die Metaphysik des Volkes. Daran hat sich bis heute nichts geändert! Arglos wird grammatisch korrekt, aber logisch und faktisch naiv, jeder Unsinn behauptet und als Tiefsinn ausgegeben; als ob mit den Worten auch schon die Dinge und Eigenschaften ins Sein träten über die man spricht. Pseudokennzeichnungen sind so häufig, dass sie gar nicht mehr auffallen. Ständig wird mit abstrakten oder idealen Substantiven über Gegenstände geredet, die es gar nicht gibt. Und ohne es zu bemerken, werden nichtexistenten Dingen auch noch Eigenschaften angedichtet: von der ,,Allmacht Gottes`` bis zur ,,Überabzählbarkeit des Kontinuums``. Ist das Christentum Platonismus fürs Volk, so ist der Formalismus Platonismus für Experten. Schon Goethe lästerte im Faust: Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen ...

Der Genuis der Gattung beruht auf dem zwischenmenschlichen Verbindungsnetz und schafft Sozial-, aber keine Naturkompetenz. Unsere menschliche Natur, die irdische Biosphäre und das Universum verstehen wir nur durch die quantitative Experimentalwissenschaft, nicht durch metaphysische, esoterische oder religiöse Begriffslyrik. Nietzsche distanziert sich von den Idealisten, weil die Ideen schlimmere Verführerinnen seien als die Sinne. Die Sinnlichkeit des Tanzes ist dem Neo-Kyniker sogar Grundlage des ,,Geistes``: ich wüsste nicht, was der Geist eines Philosophen mehr zu sein wünschte, als ein guter Tänzer. Der Tanz nämlich ist sein Ideal, auch seine Kunst, zuletzt auch seine einzige Frömmigkeit, sein ,,Gottesdienst`` ... An diesen Hinweis auf die dionysischen Freudenfeste schließt Nietzsche Die Große Gesundheit an: Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft - wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Der komödiantische Spaß endet nochmals unversehens im tragischen Ernst: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heisst ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit Allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hiess; für den das Höchste, woran das Volk billigerweise sein Werthmaass hat, bereits so viel wie Gefahr, Verfall, Erniedrigung oder, mindestens, wie Erholung, Blindheit, zeitweiliges Selbstvergessen bedeuten würde; das Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, das oft genug unmenschlich erscheinen wird, zum Beispiel, wenn es sich neben den ganzen bisherigen Erden-Ernst, neben alle Art Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie hinstellt - und mit dem, trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst anhebt, das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt wird, das Schicksal der Seele sich wendet, der Zeiger rückt, die Tragödie beginnt ...

Mit dem Epilog zieht sich Nietzsche ins Gebirge zurück, von dem er erst als Zarathustra verwandelt wieder hinab steigen wird ...

Der Anhang mit den Liedern des Prinzen Vogelfrei beginnt wieder komödiantisch mit einer Parodie Goethes:

An Goethe.

Das Unvergängliche

Ist nur dein Gleichniss!

Gott der Verfängliche

Ist Dichter-Erschleichniss ...

Welt-Rad, das rollende,

Streift Ziel auf Ziel:

Noth - nennt's der Grollende,

Der Narr nennt's - Spiel ...

Welt-Spiel, das herrische,

Mischt Sein und Schein: -

Das Ewig-Närrische

Mischt uns - hinein! ...

Der Narr überlässt sich sogleich dem Spiel der Natur im Takt eines Spechtes:

Dichters Berufung.

Als ich jüngst, mich zu erquicken,

Unter dunklen Bäumen sass,

Hört' ich ticken, leise ticken,

Zierlich, wie nach Takt und Maass

In den Naturmotiven fehlt natürlich auch nicht das Meeresmotiv und die Bergeshöhe:

Nach neuen Meeren.

Dorthin - will ich; und ich traue

Mir fortan und meinem Griff.

Offen liegt das Meer, in's Blaue

Treibt mein Genueser Schiff.

Alles glänzt mir neu und neuer,

Mittag schläft auf Raum und Zeit

Nur dein Auge - ungeheuer

Blickt mich's an, Unendlichkeit!

Sils-Maria.

Hier sass ich, wartend, wartend,- doch auf Nichts,

Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts

Geniessend, bald des Schattens, ganz nur Spiel,

Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel.

Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei -

Und Zarathustra gieng an mir vorbei ...

Mit dem Ausblick auf seine nächsten Werke Also sprach Zarathustra und Jenseits von Gut und Böse lässt Nietzsche die fröhliche Wissenschaft ausklingen mit einem Tanzlied An den Mistral. Es schließt mit den Strophen:

Jagen wir die Himmels-Trüber,

Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber,

Hellen wir das Himmelreich!

Brausen wir ... oh aller freien

Geister Geist, mit dir zu Zweien

Braust mein Glück dem Sturme gleich.-

Und dass ewig das Gedächtniss

Solchen Glücks, nimm sein Vermächtniss,

Nimm den Kranz hier mit hinauf!

Wirf ihn höher, ferner, weiter,

Stürm' empor die Himmelsleiter,

Häng ihn - an den Sternen auf!


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Ingo Tessmann 2007-04-15