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Corpus Delicti

Corpus Delicti, Ein Prozess ist ein Zeitroman, in dem die Juristin Juli Zeh einen Prozess beschreibt, der einer unbescholtenen Bürgerin um die Mitte des 21. Jahrhunderts gemacht wird, weil sie von der Unschuld ihres Bruders überzeugt ist, der wegen methodenfeindlicher Umtriebe in Untersuchungshaft geriet und sich das Leben nahm. Mit dem Untertitel Ein Prozess klingt im deutschen Sprachraum Der Prozess Kafkas an und mit dem Widerstandsrecht, das sich eine junge Frau gegen die Staatsmacht herausnimmt, um ihrem Bruder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nimmt Zeh das klassische Thema der Antigone auf, in dem Sophokles bereits am Anfang der westlichen Zivilisation den Konflikt zwischen kultureller Tradition und persönlichem Gewissen sowie zukunftsweisender Zivilisation und Staatsräson dramatisch zuspitzte. Heinrich Böll hatte 1977 als Beitrag zu Volker Schlöndorffs Film Deutschland im Herbst die eigensinnige Antigone im Kontext der geschürten Terroristenangst aufgegriffen, um durch die historische Entfremdung zu zeigen, worum es bei der Stigmatisierung der RAF als staatsgefährdende ,,Terroristen`` vor allem ging; nämlich um die Formierung der freiheitlich demokratischen Grundordnung in einen autoritären Überwachungsstaat. In Zehs Roman ist der Überwachungsstaat in der social fiction Perspektive Wirklichkeit geworden und in ihrem parallel dazu geschriebenen Sachbuch Angriff auf die Freiheit polemisiert sie mit Recht gegen die gerade wieder auflebenden Tendenzen, durch Schüren der Terrorismusangst die Sicherheit höher zu bewerten als die Freiheit. Was sich gegenwärtig zur Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte abzeichnet, hat Zeh in Corpus Delicti nur weitergedacht. Als Ausgang einer folgenschweren Entwicklung in den Überwachungsstaat wählt die Autorin neben der überdramatisierten Terrorgefahr die sich bereits abzeichnenden Tendenzen im Gesundheitswesen, aus der Sorge um die Gesundheit einen Zwang zur Gesundheit zu machen. Im Vorwort heißt es: Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens - und nicht bloß die Abwesenheit von Krankheit. Diese der WHO folgende Definition von Gesundheit, wird nicht mehr als allgemeine Richtschnur für das ansonsten eigenverantwortlich gestaltbare Leben angesehen, sondern zum Prinzip staatlicher Legitimation erhoben. Das Urteil im Namen der METHODE leitet den Roman ein. Die deutsche Staatsangehörige und Biologin Mia Holl wird wegen methodenfeindlicher Umtriebe in Tateinheit mit der Vorbereitung eines terroristischen Krieges, sachlich zusammentreffend mit einer Gefährdung des Staatsfriedens, Umgang mit toxischen Substanzen und vorsätzlicher Verweigerung obligatorischer Untersuchengen zu Lasten des allgemeinen Wohls ... zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit verurteilt. Ähnlich wie schon in Spieltrieb folgt die Urteilsbegründung als Roman.

Mitten am Tag, in der Mitte des Jahrhunderts. Rings um zusammengewachsene Städte bedeckt Wald die Hügelketten. Sendetürme zielen auf weiche Wolken, deren Bäuche schon lange nicht mehr grau sind vom schlechten Atem einer Zivilisation, die einst glaubte, ihre Anwesenheit auf diesem Planeten vor allem durch den Ausstoß gewaltiger Schmutzmengen beweisen zu müssen. Hier und da schaut das große Auge eines Sees, bewimpert von Schilfbewuchs, in den Himmel - stillgelegte Kies- und Kohlegruben, vor Jahrzehnten geflutet. Unweit der Seen beherbergen stillgelegte Fabriken Kulturzentren; ein Stück stillgelegter Autobahn gehört gemeinsam mit den Glockentürmen einiger stillgelegter Kirchen zu einem malerischen, wenn auch selten besuchten Freilichtmuseum. Hier stinkt nichts mehr. Hier wird nichts mehr gegraben, gerußt, aufgerissen und verbrannt, hier hat eine zur Ruhe gekommene Menschheit aufgehört, die Natur und damit sich selbst zu bekämpfen. Das klingt schon fasst so idyllisch wie in Huxleys Brave New World; wenn da nicht die METHODE wäre, nach der keinerlei toxische Substanzen, wie etwa Coffein, Äthanol oder Tetrahydrocanabinol, erlaubt sind. Im Amtsgericht beraten sich Richterin Sophie, Staatsanwalt Bell und Rechtsanwalt Rosentreter über den Fall Mia Holl. ,,Was liegt vor¿`, fragt Sophie. ,,Vernachlässigung der Meldepflicht``, sagt Bell. ,,Schlafbericht und Ernäherungsbericht wurden im laufenden Monat nicht eingereicht. Plötzlicher Einbruch im sportlichen Leistungsprofil. Häusliche Blutdruckmessung und Urintest nicht durchgeführt``. Da ansonsten keine belastenden Materialien gegen die Delinquentin vorliegen, einigt man sich auf eine Verwarnung. Und was treibt die unbotmäßige Mia unterdessen? Hat die sich vielleicht einen Kaffee gebrüht oder gar eine Flache Champagner entkorkt? Nein; frei von toxischen Substanzen sinniert sie bloß über den Sinn des Lebens: ,,Weil das Leben so sinnlos ist``, sagt Mia, ,,und man es trotzdem irgendwie aushalten muss, bekomme ich manchmal Lust, Kupferrohre beliebig miteinander zu verschweißen. Bis sie vielleicht einem Kranich ähneln. Oder einfach nur ineinandergewickelt sind wie ein Nest aus Würmern. Dann würde ich das Gebilde auf einen Sockel montieren und ihm einen Namen geben: Fliegende Bauten, oder auch: Die ideale Geliebte``. Die Gedanken scheinen noch frei zu sein und Mia kann sich ungestraft mit ihrer idealen Geliebten unterhalten. In der Wohnung herrscht Chaos. Es sieht aus, als hätte hier seit Wochen niemand aufgeräumt, gelüftet oder geputzt. ,,Natürlich verstehst du das. Es ist von Moritz. Er sagte: Wer Ewigkeit will, darf nicht einmal den Zweck des eigenen Überlebens verfolgen. `` Nach Meinung ihres Bruders Moritz, der sich nun nicht mehr am selbstgestalteten Leben erfreuen konnte, hatte das naturwissenschaftliche Denken seine Schwester verdorben. Für ihn war das Leben ein Angebot, das man auch ablehnen kann. Und das hatte er getan.

Es gibt Momente, in denen die Zeit stehen bleibt. Zwei Menschen sehen einander in die Augen: Materie, die sich selbst anglotzt. Um die entstandene Blickachse, die sich hinter den Köpfen ins Unendliche verlängern lässt, dreht sich für ein paar Sekunden die ganze Welt. Zur Vermeidung von Missverständnissen sei darauf hingewiesen, dass hier nicht von Liebe auf den ersten Blick die Rede ist. Eher würden wir das, was gerade zwischen Mia und Kramer geschieht, das stumme Getöse am Anfang einer Geschichte nennen. Mia hat die Tür geöffnet, und für eine Weile spricht niemand ein Wort. Was Kramer denkt, ist schwer zu erraten; vermutlich wartet er einfach darauf, dass Mia die Gastgeberin in sich entdeckt. Diese ironisch doppelsinnige Passage Julis verweist natürlich extern auf Virginia und intern auf Mias gestörtes Verhältnis zu ihren Mitmenschen, besonders zu solchen aus der Medienbranche. Denn Kramer ist Verleger, Herausgeber und Redakteur der populären und geradezu staatstragenen Zeitung Der gesunde Menschenverstand. In seiner Eigenschaft als Medienmogul sitzt er selbstverständlich in allen denkbaren Entscheidungsgremien und taucht ständig mit Kommentaren in den Fernsehnachrichten oder als beliebter Dauergast in Talkshows auf. Und so braucht Mia noch einige Zeit bis sie merkt, dass sie nicht fernsieht. Was kann nur so ein angepasster Schleimer und hohler Schönredner von ihr wollen? Er ist, zugegebener Maßen, nicht unattraktiv, aber sonst? Parallelen mit der Situation zwischen dem Journalisten Werner Tötges und der Frischverliebten Katharina Blum aus dem Roman Heinrich Bölls von 1974 drängen sich auf. Kramer ist allerdings nicht ganz so primitiv wie Tötges; denn er verwickelt Mia in eine Diskussion über den Unterschied zwischen Kausalität und Schuld. Ist nicht schon der Urknall schuld am Tod Moritzens, weil er ihn letztlich verursacht hat? Und welche Rolle spielt der Zufall in dem Drama? Wie ist es überhaupt dazu gekommen? Schuld oder Ursache ist ein genetischer Fingerabdruck. Der Vorfall, von dem hier gesprochen wird, liegt nicht lange zurück. Ein Blick auf die Fakten zeigt ein verblüffend simples Geschehen. Moritz Holl, 27 Jahre alt, ein zugleich sanfter und hartnäckiger Mann, der von seinen Eltern Träumer, von Freunden Freidenker und von seiner Schwester Mia meistens Spinner genannt wurde, meldete in einer gewöhnlichen Samstagnacht einen schrecklichen Fund bei der Polizei. Eine junge Frau namens Sibylle, mit der er sich nach eigenen Angaben zu einem Blind Date an der Südbrücke verabredet hatte, war bei seinem Eintreffen weder sympathisch noch unsympathisch, sondern tot. Man nahm die Zeugenaussage des völlig verstörten Moritz zu Protokoll und schickte ihn nach Hause. Zwei Tage später saß er in Untersuchungshaft. Man hatte sein Sperma im Körper der Vergewaltigten gefunden. Der DNA-Test beendete das Ermittlungsverfahren.

Nur Mia glaubte an die Unschuld ihres Bruders, der sich aber bei den Amtsinhabern und Mitläufern gleichermaßen unbeliebt machte, indem er keine Gelegenheit ausließ, um lautstark kundzutun: Ihr opfert mich auf dem Altar eurer Verblendung. Nach seinem Freitod begann Mias bürgerlicher Ungehorsam, indem sie anfing, der METHODE passiven Widerstand zu leisten. Ist sie nicht auch eine staatsgefährdende Außenseiterin? Eine Sympathisantin der RAK gar, der Vereinigung zum Recht Auf Krankheit? Während Kramer in der Talkshow WAS ALLE DENKEN über grassierende methodenfeindliche Umtriebe diskutieren lässt - fühlt Mia sich in die Rolle einer Hexe gedrängt. Eine Hagazussa war einstmals ein Heckengeist, der zwischen den Welten auf einem Zaun saß. Außenseiter, die keine Seite wählten außer ihrer eigenen, wurden schon damals verbrannt. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders, wenn im Inneren der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst. Aber ist Mia eine Außenseiterin? Hält sie den Umgang mit anderen Menschen für Zeitverschwendung? Mit Herdentieren, die sklavisch der METHODE folgen und akribisch ihre Bioprotokolle abliefern, nur immunsystemkompatible Geschlechtspartner wählen, die Talkshow Was Alle Denken beklatschen und nichts außer den Gesunden Menschenverstand lesen? In der Tat! Moritz dagegen liebte die Natur, den Zufall, das Chaos, den Schmutz, die natürlichen Gerüche, das freie Umherschweifen in potentiell infektiösen Umgebungen - wie das Liegen auf duftenden und blühenden Sommerwiesen, das Brechen durch des Waldes dichtes und knackendes Unterholz. Erhaben hoch aufragende Baumkronen waren ihm natürliche Kathedralen, in denen es der Natur zu huldigen galt. Leben und Sterben gehörten für ihn zusammen wie Tag und Nacht, Freude und Leid und gerade die Endlichkeit des Lebens machte seinen Wert aus. Und was gibt Kramer demgegenüber zum Besten? Dass es dem guten Leben nur um Sauberkeit und Sicherheit gehen könne. Dass Unsauberkeit die Verunreinigung des Einzelnen und Unsicherheit die Verunreinigung der Gesellschaft sei. Dass Krankheit als das Ergebnis von fehlender Überzeugung und fehlender Kontrolle betrachtet werden müsse. Die Folge davon ist, dass niemand mehr ein intaktes Immunsystem hat und aus der Datenspur eines jeden Menschen Millionen von Einzelinformationen gewonnen werden und zu einem beliebigen Mosaik zusammengesetzt werden können. Nun hat es die Datenerfassung auch an den Tag gebracht, dass Moritz in seiner Jugend einmal an Leukämie erkrankt war und eine Knochenmarkstransplantation erhalten hatte. Und wie es der Zufall so wollte, war der Knochenmarksspender der Mörder. Mia hatte mit ihren Zweifeln Recht behalten. Für die Verfechter der METHODE allerdings, galt es ein Exempel zu statuieren und der friedlichen, aber renitenten Biologin den Garaus zu machen. Am Ende wagt man es jedoch nicht, die Verurteilte zur Märtyrerin werden zu lassen. Nur unfähige Machthaber schenken dem nervösen Volk eine Kultfigur: Jesus von Nazareth, Jeanne d'Arc - der Tod verleiht dem Einzelnen Unsterblichkeit und stärkt die Kräfte des Widerstands. Und damit ist das Spiel für Mia zu Ende.

Mia Holl, eine moderne Antigone und Nachfahrin Katharina Blums, die ihre Ehre verlor und zur Mörderin wurde, weil sie sich in einen Außenseiter verliebt hatte. Der Außenseiter Ludwig war lediglich ein Kriegsdienstverweigerer, der sich dem Staatszugriff entziehen wollte und dabei in die Rasterfahnung der Terroristenjäger geriet. Und wer einen Terrorverdächtigen liebte, konnte natürlich selbst nur Terroristin sein. Obwohl Ludwig lediglich von seinem Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung Gebrauch machte und sich damit ausdrücklich verfassungskonform verhielt, geriet er in Verbindung mit der wahnhaften Sympathisantenhatz des BKA ins Visier des Staatschutzes und wurde zum Verfassungsfeind. Gegenwärtig nehmen die Überwachungsmaßnahmen der Exekutive in Verbindung mit der Staatsgefährdung durch Terrorismus sowie der Kindergefährdung durch Kinderpornographie erneut zu. Wer sich dennoch für die Verteidigung der bürgerlichen Freiheitsrechte einsetzt, macht sich wiederum als Sympatisant verdächtig und womöglich mit Terroristen und Kinderschändern gemeinsame Sache machen zu wollen. In 50 Jahren ist der Überwachungsstaat unter dem Deckmantel des Gesundheitsschutzes fast total geworden, aber Außenseiter gibt es natürlich immer noch. Ähnlich wie Ludwig gerät auch Moritz in die Fänge des Staatsschutzes, nunmehr METHODE genannt, und wird terroristischer Umtriebe verdächtigt, weil er in der Kathedrale konspirative Treffen mit Anhängern der Schnecken organisiert haben sollte. Machten die Schnecken womöglich gemeinsame Sache mit den RAK-Terroristen? Und hatte Mia Holl nicht bereits vor Jahren über chemische und biologische Kampfstoffe geforscht? Das alles und noch viel mehr wird von Kramer in seinem Kampfblatt (wie seinerzeit und heute wieder von der Boulevardpresse) massenwirksam zur Schürung von Angst aufgebauscht. Da Angst bekanntlich blind macht, fragt sich kaum jemand, wie groß die Terrorismusgefahr wirklich ist und wie viele Anschläge tatsächlich durch die Überwachungsmaßnahmen verhindert werden konnten. Die Gefahr, im Haushalt oder auf der Straße umzukommen, ist millionenfach größer als das Opfer eines Terroranschlags zu werden. Aber Maßnahmen zum Schutz vor Unfällen zu Hause oder auf der Straße würden auf eine Änderung der liebgewonnenen Lebensgewohnheiten hinauslaufen - und das will natürlich niemand; also werden Sündenböcke gesucht und die Hatz auf Außenseiter beginnt, auch um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen: Ich stehe für das, was alle denken! Ich bin das corpus delicti, empört sich Mia in dem gegen sie inszenierten Prozess. Schon die Hippies und Gammler der 1970er Jahre wurden von den Spießern als Asoziale und Faulenzer beschimpft; weil sie ihnen ihre heimlichen Träume und verdrängten Wünsche vorlebten. Mit Corpus Delicti hat Juli Zeh eine konkrete Sozialutopie für Spießer geschrieben, in der endlich alles sauber und sicher ist und keine unsportlichen Hippies und unsauberen Gammler mehr die Straßen verschandeln und mit toxischen Substanzen ihre Gesundheit ruinieren. Alle leben im Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens.


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ingo 2009-09-13