Allen Wissenschaften geht bekanntlich die Logik voran. Sie beginnt mit der Normierung von Modalitäten und logischen Partikeln:
,,Das will ich gerne tun``, meldete Hilde sich zu Wort und wurde sogleich
grundsätzlich. ,,Wenn ich mich an Russell
und
Wittgenstein
erinnere, dann hatten sie zwei
Weisen des logischen Schließens benutzt: die Ableitung aus Axiomen und das
Rechnen mit Wahrheitswerten. Gödel
konnte 1930 in seinem Vollständigkeitssatz
zeigen, daß beide Schlußweisen äquivalent sind. Die Wahrheitswerte stellen
also eine angemessene Semantik klassisch logischer Formeln dar. Man könnte auch
sagen: die klassische Logik ist wahrheitsdefinit. Nun nehme ich an, daß die
konstruktive Logik dialogdefinit ist. Aber gibt es nicht trotzdem ein
Axiomensystem oder Kalkül auch der konstruktiven Logik?``
,,Gute Frage``, begann Niels seine Antwort. ,,Einen Kalkül der damals noch sogenannten intuitionistischen Logik hatte Heyting bereits 1930 vorgelegt.`` Niels blätterte in der Metamathematik Lorenzens. ,,Die Dialogregeln sind aus dem Sequenzenkalkül Gentzens von 1934 hervorgegangen. Den Zusammenhang zwischen den logischen Dialogen und den sequenziellen Ableitungen beweist Lorenzen im sogenannten Deduktionstheorem. D.h. jede im Dialog gewinnbare Behauptung ist ableitbar (und umgekehrt). Das ist der Grund dafür, daß es auch für die dialogische Logik ein Computer-Programm gibt.
Kommen wir zu den Modalitäten. Wann ist ein Urteil notwendig? Wann ist
eine Norm geboten? Wie hängen die beiden Modalitäten mit der Wahrheit von
Sätzen zusammen?``
,,Ein Satz ist wahr genau dann, wenn er ableitbar ist``, entgegnete
Hilde.
,,Das gilt für komplexe Sätze. Die können je nach verwendetem Kalkül
klassisch oder konstruktiv wahr sein. Und wann sind Elementarsätze
wahr?`` ließ Niels nicht locker.
,,Wenn Einführungs- und Verwendungssituation übereinstimmen``, ließ
Sofie sich vernehmen.
,,Diese umgangssprachliche Wahrheitsdefinition ist natürlich im Zweifelsfall
durch wissenschaftliche Kriterien zu ergänzen``, merkte Franz an.
,,Ein's nach dem ander'n``, fuhr Niels fort. ,,Soweit sind wir noch
nicht.``
,,Aber die Notwendigkeit eines Ereignisses läßt sich nur physikalisch
rechtfertigen, nämlich bezüglich eines allgemeingültigen Naturgesetzes.
D.h. Anfangsbedingungen und Verlaufsgesetz machen eine Prognose notwendig.
Um ein Beispiel zu geben: Lasse ich einen Ziegelstein von einem 11 m hohen
Gerüst senkrecht herunter fallen, wird er notwendigerweise nach 1,5 s
auf dem Boden aufschlagen ... ``
,,... sofern nicht gerade ein Lastwagen unter dem Gerüst
hindurchfährt``, warf ein Schüler scherzhaft ein.
,,Anfangsbedingungen und Verlaufsgesetz sind genau genommen durch eine
Vielzahl weiterer Randbedingungen zu ergänzen``, räumte Franz ein.
,,Worauf ich nur hinaus wollte, ist, daß notwendig definiert werden kann
durch die Ableitbarkeit aus einem Verlaufsgesetz unter besonderen Anfangs- und
Randbedingungen. Relativ zu diesem Wissen ist ein Ereignis notwendig.``
,,In der formalen ontischen Modallogik werden die wissensinvarianten
Beziehungen zwischen notwendigen Urteilen untersucht``, knüpfte Niels
den Faden weiter.``
,,Und wann ist ein Ereignis möglich?`` wollte ein Schüler wissen.
,,Wenn das Nicht-Eintreten des Ereignisses nicht-notwendig ist``, antwortete Niels und ergänzte: ,,Und ein Ereignis ist kontingent, wenn es möglich und nicht-notwendig ist.
Wir haben die Notwendigkeit auf Zukunftsaussagen bezogen; daß etwas
notwendigerweise sein wird. Zur Gebotenheit kommen wir dadurch,
daß etwas sein soll. Eine deontische Modalität meint also die
Gebotenheit eines zukünftigen Zustandes. Die Notwendigkeit gilt mit Bezug
auf physikalische Gesetze, die Gebotenheit nimmt Bezug auf Rechtsgesetze.
Es ist z.B. geboten, Menschen in Not
zu helfen. Erlaubt und freigestellt können analog zu möglich und kontingent
definiert werden. D.h. eine Handlung ist erlaubt, wenn ihr Unterlassen
nicht-geboten ist. Eine Handlung ist freigestellt, wenn sie erlaubt und
nicht-geboten ist. In der formalen deontischen Modallogik werden die
zweckinvarianten Beziehungen zwischen gebotenen Normen untersucht.``
,,Du hattest am Anfang auch die Zeitmodi vergangen - zukünftig
erwähnt``, begann Pieter, ,,nun hast Du die ontischen und deontischen
Modalitäten auf die Zeitmodi zurückgeführt: daß etwas zukünftig sein wird
bzw. sein soll. Müssen wir nicht noch einen Schritt weitergehen und die
Wahrheitswerte zeitabhängig definieren? Wenn Ableitbarkeit im Kalkül oder
Gewinnbarkeit im Dialog Wahrheitsbedingungen sind, dann gibt es nicht nur
wahre oder falsche Urteile, sondern auch unentschiedene. Und wie Gödel
und Turing bewiesen haben, gibt es sogar unentscheidbare
Sätze.``
,,Deshalb haben die methodischen Konstruktivisten von vornherein auf die Beschränkungen der klassischen Logik verzichtet``, bestätigte Niels. ,,Das tertium non datur und die doppelte Verneinung sind nicht dialogdefinit.
Schreiten wir fort auf dem Weg zur Auszeichnung sicheren Wissens. Nach Grammatik und Logik kommen wir zur Mathematik. Auch sie zählt zu den Formalwissenschaften. In ihr geht es um den Beweis allgemeingültiger Formeln. Formeln stellen Gleichheitsbehauptungen zwischen Termen dar. Terme bestehen aus arithmetischen Verknüpfungen von Zahlen oder Variablen. Verknüpfungen lassen sich durch Rechenregeln definieren. Aber woher kommen die Zahlen?
,,Zahlen sind Äquivalenzklassen gleichmächtiger Mengen``, erwiderte
Franz.
,,Und woher kommen die Mengen?`` bohrte Niels weiter.
,,Mengen sind die Extensionen der Prädikate``, kam prompt Franzens
Antwort.
,,Die Menge der Gegenstände, auf die ein Prädikat zutrifft``, erläuterte
Niels. ,,Damit wird Mengenlehre zu Semantik``, fuhr er fort. ,,Was Du aber
unterschlagen hast, ist der Umstand, daß die Feststellung gleichmächtiger Mengen
den Zahlbegriff bereits voraussetzt. Deine auf Russell zurückgehende Definition
ist zirkulär.''
,,Warum können wir als Zahlen nicht einfach diejenigen Dinge auffassen, die
den Peano-Axiomen
genügen?`` wollte ein
Schüler wissen.
,,Weil mit Axiomen der Begründungsweg willkürlich abgebrochen bzw. begonnen
wird``, meldete Hilde sich zu Wort. ,,Russells Logizismus genauso wie Peanos
Formalismus verkennen die Fundierung des Wissens in der Lebenspraxis. Beginnen wir
doch schlicht mit dem Zählen. Strichlisten sind seit der Steinzeit überliefert.
Nehmen wir also an, das Zählen gehöre zu den originären menschlichen
Fähigkeiten und lasse sich nicht auf das logische Schließen
zurückführen.``
,,Und wie kommen wir vom Zählen zu den Zahlen?`` fragte eine Schülerin.
,,Indem wir abstrahieren``, hob Niels an. ,,Das Abstrahieren ist ein methodisch nachvollziehbares Verfahren. Es besteht darin, verschiedene Dinge als äquivalent zu betrachten und sich fortan darauf zu beschränken, bezüglich der Äquivalenzrelation invariant zu reden. Das hört sich komplizierter an als es ist. Denn schließlich gehört es zu den Grundvermögen aller Lebewesen.
Immer wenn sich Organismen von ihrer Umwelt abgrenzen, sind sie gezwungen, den für ihr Überleben wichtigen Stoffwechsel mit ihrer Umgebung aufrechtzuerhalten. Damit reduzieren sie aber ihre Umwelt auf einige für sie wesentliche Eigenschaften. Dieses grundlegende biologische Verfahren der Invariantenbildung bzgl. eines Energie- und Stoffaustausches ist auch in der Sinnesphysiologie wirksam. Unsere Sinne abstrahieren ständig aus der Fülle der Sinneseindrücke Gestalten oder Muster, die unter den verschiedendsten Bedingungen als äquivalent erkannt werden müssen. Andernfalls könnten wir keine Gesichter oder Stimmen wiedererkennen. Oder denkt nur `mal daran, welch ein Verrechnungsaufwand dahintersteckt, euer Gesichtsfeld konstant zu halten, obwohl ihr den Kopf bewegt.
Die Erfolge in der Vereinheitlichung der physikalischen Theorien beruhen ebenfalls auf Abstraktion. Einstein führte mit dem Relativitätsprinzip eine Äquivalenzrelation zwischen Bezugssystemen ein, bzgl. der die physikalischen Sätze invariant sein sollten. Die Physiker übertrugen das Prinzip von der Gravitation auf die anderen Wechselwirkungen . Die physikalische Basis des Abstrahierens liegt im Bosonen-Austausch zwischen Fermionen. Auf der Ebene des Sozialsystems wird von der Reichhaltigkeit der Lebenswelt bzgl. der Steuerungsmedien abstrahiert. Aufgrund der Austauschbeziehung kann die Abstraktion auch umgekehrt gesehen werden. Durch die Sozialsysteme werden die Menschen auf wenige Eigenschaften reduziert. Diese durch Geld und Macht vermittelte Invariantenbildung hat Habermas Realabstraktion genannt. Der Ausdruck deutet an, daß es sich um einen realen Vorgang handelt.
Lorenzen rekonstruiert das Abstrahieren als logisches Verfahren. Er beginnt mit der Definition einer Äquivalenzrelation (), die (1) reflexiv und (2) komparativ sein muß:
Mindestens zwei Äquivalenzrelationen kennt ihr bereits: die Gleichheit (=) und die Bijunktion (). Die Tragweite des Abstraktionsverfahrens möchte ich durch einige Beispiele erläutern:
Aber betrachten wir die Zahlabstraktion etwas genauer. Unsere Ausgangsfrage
lautete: Woher kommen die Zahlen? Jetzt wissen wir: Zahlem werden abstrahiert aus
Zählzeichen. Zählzeichen werden abstrahiert aus Strichlisten. Strichlisten
werden hingeschrieben oder gelesen. Wie werden sie erzeugt? Vielleicht nach
folgenden Regeln (): (1) ,
(2) n . D.h. es ist erlaubt, einen Strich hinzuschreiben.
Wenn bereits n-Striche hingeschrieben wurden, darf ein weiterer hinzugefügt
werden. So weit, so gut. Worin besteht denn dabei der erste Abstraktionsschritt?
Die Strichliste z.B. stellt das Ergebnis des Zählens
bis fünf dar. Statt Strichlisten könnte ich auch Steine oder Muscheln als
Zählzeichen verwenden. Und indem ich Dinge zum Zählen verwende, abstrahiere
ich sie zu Zählzeichen. Der erste Abstraktionsschritt meint also einen Aspekt
des jeder Handlung zugrunde liegenden Handlungsschemas. Ein Handlungschema umfaßt
Invarianten der Sensorik, der zentralen Verarbeitung und der Motorik. Dem Prinzip
methodischer Ordnung folgend, können wir natürlich nicht die Ergebnisse
empirischer Wissenschaften, wie der Hirnphysiologie, in Anspruch nehmen. Deshalb
beginnt Lorenzen seine Rekonstruktion der Zahlabstraktion bei den Zählzeichen und
verweist auf das lebenspraktische Faktum, daß schon Kinder mühelos zählen
können. Setzen wir also die Abstraktion vom physikalisch-sinnlichen Signal zum
philosophisch-sprachlichen Zeichen voraus. Wie kommen wir vom Zählzeichen zur
Zahl? Bezüglich der Äquivalenzrelation der Gleichheit verschiedener Zeichen:
. Die
Rechenregeln
der Arithmetik sind dann
invariant bzgl. dieser Gleichheit zu formulieren.
Wir sollten im Auge behalten, daß das Abstrahieren letztlich immer von konkreten Gegenständen ausgeht und daß mit dem Abstrahieren keine neuen Dinge erzeugt werden, sondern lediglich metasprachlich in neuer Weise über die Dinge gesprochen wird. Erst kommen die Zählzeichen, dann die Zahlen; erst die Worte, dann die Begriffe; erst die Elemente, dann die Mengen. In der axiomatischen Mengenlehre wird demgegenüber z.B. ein Auswahlaxiom für plausibel gehalten. D.h. es wird allen Ernstes davon ausgegangen, daß es zulässig sein soll, Elemente aus einer Menge auszuwählen, ohne sicher sein zu können, ob Elemente überhaupt vorhanden sind! Ebenso bleibt schleierhaft, was mit der Leer- und Allmenge gemeint sein mag. Auch die sogenannte Überabzählbarkeit der reellen Zahlen ist bloß eine Stilblüte des Mengenplatonismus ...
Aber kommen wir wieder zu den natürlichen Zahlen zurück. Wie geht es weiter? Über die ursprünglichen Motive des Zählens können wir nur spekulieren. Warum ritzten unsere Vorfahren Strichlisten in Knochen? In den frühen Hochkulturen war das Zählen dann ein etabliertes Handlungsschema der Statistiker und Händler. Es diente dem Eintreiben von Steuern und der Festlegung von Tauschwerten. Was motivierte nun den Übergang zu den ganzen Zahlen? Das Schuldenmachen! Die negativen Zahlen wurden nicht zufällig in Verbindung mit dem aufblühenden Handel in Norditalien der Renaissance eingeführt. Schulden sind quasi negatives Einkommen. Sie erleichern wesentlich die Geldgeschäfte per Kredit oder Wechsel. Es gibt aber auch ein innermathematisches Motiv zur Abstraktion negativer Zahlen. Die Addition natürlicher Zahlen liefert immer wieder eine natürliche Zahl. D.h. hinsichtlich der Addition sind die natürlichen Zahlen abgeschlossen. Aber was passiert, wenn wir die Addition umkehren und subtrahieren? Wie lautet das Ergebnis für m - n, wenn n größer m ist? Die Subtraktion sprengt offensichtlich den Rahmen. Adorno würde sagen: Der Immanenz ist die Transzendenz immanent. Im Modell der Ebenen und Krisen handelt es sich um ein mit der Subtraktion eingeführtes Strukturproblem. Wie lösen wir die Subtraktionskrise? Durch Abstraktion! Die mit der Subtraktion weitergeführte Differenzierung des Rechnens motiviert einen erweiterten Zusammenschluß. Wir definieren folgende Äquivalenzrelation () zwischen Paaren natürlicher Zahlen (m,n):
Damit können z.B. 1, 0 und -1 durch folgende Äquivalenzklassen definiert werden:
Die so definierten Äquivalenzklassen von Brüchen heißen rationale Zahlen:
Das zweite Strukturproblem der Division durch 0 ist schwerwiegender. Denn wir
können nicht einfach n/0 unendlich setzen, da unendlich überhaupt
nicht existiert und die Division beliebig vieldeutig werden würde. Mathematische
Objekte müssen aber kennzeichenbar, d.h. existent und eindeutig sein. Bei Termen
n/0 handelt es sich überhaupt nicht um Zahlen, sondern bloß um
Pseudokennzeichnungen
. Pseudokennzeichnungen
sind in der Sprache weit verbreitet und sollten von redlichen Philosophen und
Wissenschaftlern gemieden werden.
Die Vereinigung zweier Gruppen nennen Mathematiker einen Körper. Die
rationalen Zahlen bilden bzgl. der Addition und Multiplikation also einen
Körper. Die nächsten Strukturprobleme will ich nur andeuten. Die Umkehrung
des Potenzierens motiviert die Abstraktion irrationaler und imaginärer
Zahlen. Bzgl. geeignet definierter Äquivalenzklassen lassen sich die
rationalen und irrationalen Zahlen zu den reellen Zahlen und die reellen und
imaginären Zahlen zu den komplexen Zahlen vereinigen ... ``
,,Was meint denn hier geeignet``, unterbrach ein Schüler.
,,Geeignet sind Äquivalenzklassen, die die algebraische Struktur
erhalten, so daß weiter mit den gleichen Rechenregeln gearbeitet
werden kann``, entgegnete Niels und kam zum Schluß der Veranstaltung.
,,Worauf ich noch hinweisen möchte, ist, daß wir im Fortgang des
Auftretens und Lösens der mathematischen Strukturprobleme eine leicht
nachvollziehbare Interpretation von Dialektik im Modell der Ebenen und
Krisen erhalten haben. Das Abstrahieren als Lösungsmethode von
Strukturproblemen bewährte sich nicht nur in der Mathematik, sondern
auch in vielen anderen Wissenschaften, wie der Physik und Informatik
sowie der Psychologie und Ökonomie. Das Konzept der Typenlogik
Russells zur Unterscheidung unvereinbarer Sprachebenen und die Gruppentheorie
zur Auszeichnung abgeschlossener Strukturen übertrug Paul Watzlawick auf
die Psychotherapie. Und die Dialektik von Arbeit und Kapital läßt
sich im Fortgang des Abstrahierens von Arbeits- und Tauschwerten
rekonstruieren. Darüber solltet ihr euch ein paar eigene Gedanken
machen. Dann bis morgen.''
,,Minus mal Minus ergibt Plus, weil nur so die algebraische Struktur
der natürlichen Zahlen erhalten bleibt``, sinnierte Hilde. Eine
Einsicht, die Niels ihr natürlich schon längst vermittelt hatte. Mit
wissendem Lächeln schauten sie sich an. Auch Dialoge der konstruktiven
Logik hatten sie geführt. Ihre Ahnungen waren nicht unbegründet
geblieben. Im Überschwang des Hochgefühls sprang sie auf und fiel
ihm beglückt um den Hals. Die Mitschüler kommentierten ihre Heftigkeit
mit mildem Lächeln.
Auch Sofie beflügelte die gewonnene Einsicht:
,,Von den Einwort-Sätzen zur Abstraktion; so klar war mir der Weg
von der Kindheit in die Wissenschaft bisher nicht gewesen``, ließ sie
sich auf dem Weg in die Mensa vernehmen. ,,Das Abstrahieren als
Lösungsmethode von Strukturproblemen in Psychologie und Ökonomie. Dazu
fallen mir die Beziehungsfallen und der Klassenkampf ein.``
,,Der Erfolg des Wirtschaftens bagann mit der Abstraktion des Tauschwertes,
die der Einführung des Geldes voranging``, hob Pieter an und erläuterte:
,,Nachdem, was wir gerade gehört haben, wird es sich bei der
Tauschwertgleichheit um eine Äquivalenzrelation handeln. Und die Sätze
der Markttheorie sind invariant bzgl. der Tauschwertgleichheit zu formulieren.
Bestimmend für die Tauschwerte sind die Marktpreise. Nun haben Waren aber
bekanntlich nicht nur einen Tauschwert, sondern auch einen Gebrauchswert
für den Konsumenten und einen Arbeitswert für den Produzenten. Wie
hängen diese drei Werte zusammen?``
,,Der Arbeitswert, die in einem Produkt steckende Arbeit, sollte sich
auf die Energie zurückführen lassen``, entgegnete Hilde.
,,Und der Gebrauchswert steht mit dem praktischen Nutzen und dem
sinnlichen Genuß in Beziehung``, ergänzte Sofie.
,,Womit wir wieder bei den drei Weltbezügen
wären``, fiel Hilde ein.
,,Du meinst, Produktion, Markt und Konsumtion entspringen der
objektiven-, sozialen- und subjektiven Welt?`` zweifelte Pieter
und gab zu bedenken: ,,Aus den Humanities erinnere ich eine Interpretation
des dialektischen Dreischritts durch Erzeugung, Austausch und Ansammlung.
Dieses Schema reicht von der physikalischen Energie bis hin zur politischen
Gewaltenteilung. Die Energie wechselwirkt in Bosonen und speichert sich
in Fermionen. Die gesetzgebende Gewalt des Parlaments (Legislative)
tauscht sich aus in der Verwaltung (Executive) und sammelt sich an
in der Urteilspraxis der Gerichte (Judikative).`` In der Mensa
angekommen, griff Pieter sich ein Flugblatt. Während des Essens
sammelten sie auf der leeren Rückseite passende Stichworte.
Franz schaute dem Treiben belustigt zu. ,,Was versprecht ihr euch
eigentlich von dem name dropping? Das ist doch finsterste Hegel'sche
Begriffsgymnastik``, spöttelte er.
,,Du scheinst die Weisheit ja mit Löffeln gegessen zu
haben``, brachte er Sofie gegen sich auf. ,,Wenn es von
der Energie in Wellen und Teilchen bis hin zur Freiheit in
Gerechtigkeit und Wahrheit keinen Zusammenhang gäbe, widerspräche
das der Evolutionstheorie.``
,,Ja, ja, alles hängt irgendwie mit allem zusammen und der Kosmos
ist nur eine Blase im Quantenschaum. Esoterik und science fiction sind
das eine, Physik und Biologie das andere. Mich fasziniert die
Evolutionstheorie gleichermaßen. Dennoch sollte man zwischen
empirisch bestätigter Wissenschaft und nebulöser Spekulation
unterscheiden ... ``
,,Nur die Fülle führt zur Klarheit. Und im Abgrund wohnt die
Wahrheit``, gab Sofie Schiller zum besten.
,,Willkommen in der Märchenstunde``, fuhr Franz ironisch fort.
Er schaute Sofie offen an. ,,Zu welchem Problem soll das name dropping
denn eine Lösung sein?``
,,Sei doch mal locker, entspann Dich``, fuhr Sofie mit ironischem
Unterton fort. ,,Du siehst ja den Wald nicht mehr vor lauter Bäumen. Leben
heißt eben nicht nur Problemlösen. Es geht auch um die Freude beim
Spielen und Phantasieren ... ``
,,Wenn ich mich recht erinnere``, lenkte Franz charmant lächelnd
ein, ,,ging es euch ursprünglich um Strukturprobleme im Modell
der Ebenen und Krisen ... `` Sofie beschlich der Verdacht, daß Franz
nur provoziert hatte, um ins Gespräch zu kommen. Sie hätte nicht auf
den Inhalt, sondern auf den Gebrauch seiner Äußerung eingehen sollen ...
,,Welcher Zusammenhang besteht zwischen Arbeits-, Tausch- und
Gebrauchswert? Wie lassen sich Beziehungsfallen sprengen? Das sind
ganz konkrete Fragen, die man nicht durch name dropping löst. Das ist
natürlich einfacher. Wenn Philosophen nicht weiter wissen, was sehr
häufig der Fall ist, flüchten sie in die Rhetorik und überlassen sich
dem freien Assoziieren ... ``
,,Du hast selbstredend bereits die richtigen Antworten parat?``
unterbrach Hilde.
,,Selbstredend``, wiederholte Franz und lächelte ihr zu.
,,Die kommen einer Problemlösung jedenfalls näher. Den Arbeitswert
bestimmen die Energie-, Material-, Lohnkosten und Sozialabgaben. Der
Gebrauchswert folgt der subjektiven Wertschätzung. Und den Tauschwert
bestimmt der Marktpreis. Gleich einem Regelmechanismus paßt er Produkt-
und Nutzwert einander an.``
,,Soweit die idealtypische Theorie``, wandte Niels ein.
,,Ich werde das Thema bei der Behandlung des Ideationsverfahrens
aufgreifen.``
,,Dein naiv positivistischer Ansatz``, hob Pieter an, ,,bleibt
doch bloß an der Oberfläche. Du übervereinfachst aus der hedonistischen
Perspektive des Yuppies. Was interessieren mich die in der Produktion
verschwendeten Ressourcen?`` fragte er ironisch. ,,Könnte es
nicht sein, daß das Wirtschaften umweltverträglicher wäre, wenn wir
nicht nur die Geldwerte, sondern auch das unterliegende materielle
Substrat betrachteten? Du verkennst den Umstand, daß die Seinsebenen
faktisch auseinander hervorgegangen sind. Mit den Wertabstraktionen ist
das kritisch zu rekonstruieren. Der Zusammenhang zwischen der Schuldenwirtschaft
und den negativen Zahlen spricht doch wohl für sich.``
Den Nachmittag widmeten die Schüler ihren Hausarbeiten. Sofie hatte sich
entschieden, anhand einiger Bücher Paul Watzlawicks die Bedeutung der
Kommunikation in der Psychotherapie zu behandeln. In Nachwirkung des
Magischen Theaters bedachte Hilde den Zusammenhang zwischen Kunst und
Wissenschaft. Und Pieter arbeitete die Wertabstraktionen heraus. Obwohl
die Arbeiten auch später noch abgegeben werden konnten, saßen die drei
bis tief in die Nacht zusammen; lasen, diskutierten und schrieben.
Unterdessen sichtete Niels mal wieder seine e-mails. Das subject
Teleportation
machte
ihn neugierig. Er klickte die Mail an und wurde nach Österreich verbunden.
Das is' ja `n Knüller, dachte er. Die instantane Übertragung eines
Photonen-Zustandes ist gelungen! Damit war wieder eine der verblüffenden
quantenmechanischen Hypothesen bestätigt worden. Er lehnte sich vor dem
Bildschirm zurück. Gemessen an den Myriaden von Atomzuständen in einem
Menschen war das nur ein winziger Schritt. Aber im Prinzip war das
Beamen geglückt ...
,,Nachdem wir auf dem Weg zur Auszeichnung sicheren Wissens die Anfänge der Formalwissenschaften rekonstruierten``, leitete Niels die nächste Sitzung ein, ,,geht es heute darum, mit den Realwissenschaften zu beginnen. In ihnen geht es nicht nur um das theoretische Argumentieren mit Formeln, sondern um das praktische Handhaben von Realien. Das Sprachhandeln kann dafür nicht hinreichend sein. Wesentlich zur Gewinnung von empirischem Wissen ist das Tathandeln. Nach der Sprachpraxis des Miteinanderredens ist die Handwerkspraxis in den Werkstätten zu rekonstruieren. Im Unterschied zur Sprache, die der intersubjektiven Kontrolle bedarf, sind es beim Werken die Eigenheiten der Dinge selbst, die eine Erfolgskontrolle gestatten. Geräte funktionieren zweckmäßig - oder eben nicht. Gleichwohl bedarf natürlich die wissenschaftliche Redlichkeit der ständigen Überprüfung durch die scientific community. Unseren Vorfahren gelang z.B. der Bau von Mammutfallen, das Fertigen von Speeren, das Aushöhlen von Einbäumen so gut, daß sie überlebten und sich behaupten konnten. Bis heute sind wir lebenspraktisch an die Periodizität von Tag und Nacht gewöhnt. Neben der Bestimmung von Dauern, z.B. durch das Zählen der Sonnenaufgänge oder der Mondzyklen, lernten unsere Vorfahren auch die Abschätzung von Entfernungen, z.B. durch Vergleich mit Fußlängen oder Wurfweiten. Den Realwissenschaften ging also eine langjährige Meßpraxis zur Bestimmung von Dauern, Entfernungen und Gewichten voran. Sie gilt es zu rekonstruieren. Denn im Selbstverständnis der methodischen Konstruktivisten ist Wissenschaft bloß hochstilisierte Lebenspraxis. Schauen wir zu, was darunter zu verstehen ist.
Im Gegensatz zur unmittelbar über Leben und Tod entscheidenden Erfolgskontrolle im Lebensalltag unserer Vorfahren, entstand die Wissenschaft im Schutz hoher Stadtmauern der frühen Hochkulturen, z.B. mit der Beobachtung des Sternenhimmels oder der Ausmessung von Baugelände. Neben kontrollierter Beobachtung und Messung ist seit Galilei das Experiment zentraler Bestandteil der Erfolgskontrolle empirischer Hypothesen. Was es zu rekonstruieren gilt, ist also die Physik als quantitative Experimentalwissenschaft. Quantitativ ist das Messen durch Vergleich von Entfernungen, Dauern und Gewichten mit Standard-Einheiten. Das Messen liefert also dimensionslose Verhältniszahlen. Z.B. wie häufig ein Fuß als Wegeinheit in der Entfernung zum Tempel enthalten ist. In der Schule habt ihr sicher gelernt, daß physikalische Größen immer aus einem Zahlenwert und einer Maßeinheit bestehen. Genaugenommen ist das nicht ganz richtig. Es soll lediglich daran erinnern, welche Einheit der Messung zugrunde gelegt wurde. In der Meßpraxis entstand übrigens ein Einheitenproblem, das als Inkommensurabilitätsproblem in die Wissenschaftsgeschichte einging. Was ist zu tun, wenn z.B. die Zahl der Wegeinheiten nicht ganzzahlig in der zu messenden Entfernung aufgeht? Es sind die rationalen Zahlen zu abstrahieren oder die Einheiten zu verkleinern. Bereits in der Antike trat zudem das Problem auf, daß Entfernungen sogar irrational sein konnten. Ich will hier die mathematische Fragestellung nicht weiter vertiefen, aber auf den Euklidischen Algorithmus verweisen, mit dem die Kommensurabilität zweier Zahlen durch Bestimmung des größten gemeinsamen Teilers gelingt.
Kommen wir zum Experiment. Es dient der Erfolgskontrolle und muß
reproduzierbar sein. Die Reproduzierbarkeit ist eine sehr starke
Forderung und setzt viel Geschick und Erfindungsreichtum beim Experimentieren
voraus. Bei den heutigen Experimenten in der Hochenergiephysik z.B. sind jeweils
weltweit mehrere hundert Wissenschaftler und eine Vielzahl von Ingenieuren und
Technikern beteiligt. Aus dem Zwang zur weltweiten Teamarbeit heraus ist ja
auch das WWW
entstanden. Ich komme
zum Grundproblem einer methodischen Rekonstruktion der Physik. Das Experiment
dient der Bestätigung einer Hypothese, z.B. der Voraussage, daß die
Fallbeschleunigung unabhängig vom Gewicht des fallenden Steins ist.
Galilei übertrug das Problem auf die schiefe Ebene. Die so meßbaren
Falldauern bestimmte er in Einheiten seines Pulses oder indem er sie mit
der Wasserstandsänderung in einem Behälter verglich, aus dem er zugleich
kontinuierlich Wasser auslaufen ließ. Man muß sich zu helfen wissen. Ich
glaube, ihr erahnt das grundsätzliche Meßproblem. Wie kann ich die Konstanz
und Invarianz der Maßeinheiten garantieren, ohne bereits auf wissenschaftliche
Hypothesen zurückgreifen zu können? Die Antwort der Konstruktivisten lautet:
durch Ideation.``
,,Die Antwort der Analytiker lautet: durch selbstkonsistente Iteration``,
warf Franz ein.
,,Um der methodischen Ordnung zu entgehen, wechseln die Analytiker sogar ins Lager der Dialektiker``, kommentierte Niels. ,,Aber fahren wir fort. Wie kommen wir zur Auszeichnung einer geraden Linie oder ebenen Fläche als Basis der Geometrie? Wie konstruieren wir eine gleichförmige Bewegung zur Grundlegung der Chronometrie? Im Schulunterricht werden Raum und Zeit einfach als Grundgrößen unterstellt. Wissenschaftstheoretiker können sich diese Nachlässigkeit nicht erlauben. Lorenzen hat nun ein Ideationsverfahren vorgeschlagen, daß aus zwei Schritten besteht:
H(r) steht für ein Homogenitätsprinzip bzgl. eines realen Terms r. A(i) meint eine Aussageform bzgl. eines idealen Terms i. Reale Terme, wie Ecken und Kanten, sind Bestandteil der Handwerkspraxis. Ideale Terme, wie Punkte und Geraden, sind Ausdrücke der Geometrie. Die Ideation () von Aussageformen mit realen Termen zu Aussageformen mit idealen Termen kann vollzogen werden, wenn die Aussageform logisch aus dem Homogenitätsprinzip folgt.
Die Erlanger haben das Ideationsverfahren mit Erfolg zur methodisch
geordneten Auszeichnung von Strecken, Dauern, Massen und Ladungen
angewandt. Die Details können ihrer Protophysik entnommen werden.
Ich will hier nur noch anmerken, daß auch die Bestimmung von Dauern durch
uhrenfreien Vergleich der Gleichförmigkeit von Bewegungen möglich ist.
Neben Raum und Zeit gehören zur Realisierung von Experimenten natürlich
noch eine Fülle weiterer Normen. Die quantitative Reproduzierbarkeit als
Leitforderung des Experimentierens jedenfalls ist allein technisch,
d.h. vorwissenschaftlich erfüllbar. Der Physik als Experimentalwissenschaft
gehen nicht nur Sprachpraxis und Mathematik voran, sondern auch Handwerk
und Technik. Das ist der Grund, warum die Konstruktivisten die Physik
lediglich als Hilfsdisziplin der Ingenieurwissenschaften einstufen.``
,,Also ...``, begann ein Schüler mit Bedacht einen Einwand.
,,Du hast Dich bemüht, den Ansatz der Konstruktivisten als Mittelweg
zwischen Formalismus und Realismus bzw. Idealismus und Materialismus
darzustellen. Du sprachst in einem Atemzug von der Zweckmäßigkeit idealer
Normen und von den Eigenheiten realer Dinge. Das paßt nicht zusammen.
Hinsichtlich der Zweckmäßigkeit können Handlungen natürlich scheitern
oder gelingen. Das ist aber eine Frage des Pragmatismus und nicht des
Realismus. Was soll darüber hinaus ein Kriterium für Realien sein?``
,,Zu Realien werden die schlicht vorgefundenen Dinge, indem wir sie
bearbeiten, Hand anlegen. Betrachten wir als Beispiel einen Tisch. Der
Weg seiner Herstellung führt aus dem Wald über verschiedene Transportwege,
das Sägewerk, die Möbelfabrik und das Möbelgeschäft zum Nutznießer
in die Wohnung. Den Wald finden wir zunächst einfach vor. Egal ob wir
die Bäume als Schattenspender nutzen oder roden, um Möbel herzustellen.
Es gehört zu den Eigenheiten von Holz, daß es nicht lichtdurchlässig
ist und schwimmt, so daß wir als Transportwege auch Flüsse wählen
können. Ein durch Blitzschlag getroffener Baum falle ins Wasser und werde
mit der Strömung fortgerissen. Das Holz des Baumes ist in beiden Fällen
leichter als Wasser, egal ob wir den Baum rodeten oder ein Unwetter ihn
niederriß. Mit Eigenheiten meinte ich die quasi zweckinvarianten Eigenschaften
des Holzes. Und daß wir Rohstoffe wie Holz einfach vorfinden, ist eine
Erfahrungstatsache der Lebenspraxis.``
,,Den common sense des Alltags will ich hier gar nicht in Frage stellen``,
hob Franz an. ,,Was mich am Konstruktivismus aber stört, ist, daß er mit
den Prototheorien ein gesichertes vorwissenschaftliches Wissen meint auszeichnen
zu können. Das ist ein Rückfall in den Apriorismus Kants. Der konstruktivistische
Wissensfanatismus ist unvereinbar mit dem Fallibilismus und Relativismus des
Wissens.``
,,Nun, die Fehlbarkeit des Alltags und der Wissenschaften wird gar nicht geleugnet``, erwiderte Niels. ,,Als sicher erweisen sich lediglich methodisch geordnete Verfahren hinsichtlich ihrer Zweckmäßigkeit. Wenn wir uns auf den Zweck der Physik als einer quantitativen Experimentalwissenschaft geeinigt haben, kommen wir nicht um eine normative Bestimmung des Experimemtieraufbaus herum. Empirisch am Ausgang eines Experiments ist lediglich die Quantität einer Meßgröße; ihre Qualität ist normativ und kann mit den Mitteln des Experiments natürlich nicht in Zweifel gezogen werden. Normative Gewißheit und empirische Fehlbarkeit ergänzen einander, sie widersprechen sich nicht.
Wenn Du mit Relativismus darauf anspielst, daß die Euklidische Geometrie
der Handwerkspraxis nicht als Grundlage der Relativitätstheorie taugt,
kann ich an dieser Stelle nur darauf verweisen, daß die Euklidische Geometrie
im Meßgerätebau sogar zwingend ist. Den Beweis dazu kann ich Dir
`raussuchen.``
,,Was mir noch nicht plausibel erscheint``, meldete sich der
sprachphilosophierende Schüler zu Wort, ,,ist die Unterscheidung
von Sprach- und Tathandeln. Insofern man zu Handlungen auffordern können
muß, gibt es überhaupt keine sprachfreien Handlungen.``
,,Das mögen weltfremde Sprachphilosophen so sehen``, entgegnete Niels, ,,die selten Hand angelegt, im stillen Kämmerlein gebastelt oder Kinder beobachtet haben. Kinder handeln häufig schlicht durch Nachahmung, nicht nach Aufforderung. Gemessen an der Lebenspraxis ist eine Definition des Handelns in Abhängigkeit einer Aufforderung einfach unangemessen und viel zu einschränkend.
Bevor wir in der letzten Stunde auf Ethik, Sozial- und Naturphilosophie einzugehen haben, möchte ich abschließend die Lebenspraxen benennen, aus denen neben Mathematik und Physik Informatik, Biologie und Soziologie hochstilisiert werden können:
,,Na, das meiste bleibt! Daß wir Dinge nur sprachlich vermitteln können,
heißt nicht, daß es nur sprachliche Dinge gibt!`` erwiderte Niels
erheitert. ,,Das gleiche gilt für das Tathandeln sowie für Sinne und
Motorik. Die Welt existiert nicht nur, weil wir sie bearbeiten oder
sinnnlich-motorisch erfahren. Gleichwohl sind uns natürlich nur Aspekte
des Seins zugänglich; nämlich nur insoweit wie wir aus den Evolutionsbedingungen
auf der Erde heraus in der Lage sind zu extrapolieren.``
Auch Franz erhob erneut das Wort: ,,Aus Deiner Gegenüberstellung von normativer
Gewißheit und empirischer Fehlbarkeit könnte ein tragfähiger Kompromiß
hervorgehen.`` Das klang ungewöhnlich versöhnlich, dachte Sofie.
,,Im Gegensatz zu den Dialektikern wissen die Konstruktivisten wenigstens
wovon sie reden. Und im Gegensatz zu den Analytikern orientieren sie sich an
der Lebenspraxis. Greifen wir also das Beispiel des Marktes auf. Du hattest
von einem Idealtypus gesprochen. Der Markt der Ökonomen ist in der Tat ein
Ideal im Sinne der Konstruktivisten. Aber wie sieht es mit dem Ideal der
Gesellschaft aus? Hat sein Erstreben im Faschismus und Kommunismus nicht
unsägliches Leid über die Menschen gebracht? Was können wir dagegen tun,
daß Politiker und Ideologen die Gewißheit der Ideale nicht mit der Fehlbarkeit
der Realien verwechseln?``
,,Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen``, räumte Niels ein.
,,Auch nicht gegen das Opium der Ideale, wenn sie keinem
Realisierungsverfahren genügen, wie in den Religionen und Ideologien.
Bis auf weiteres haben wir nichts besseres als Toleranz und Demokratie.
Das Erstreben der idealen Sprechsituation ist ja Grundlage der res publica.
Die Ideale der Freiheit, Gleichheit, Klarheit und Wahrheit bleiben die
Richtschnur des Handelns, nicht eigensüchtige Machtpolitik durch
Volksverführung und Ausbeutung.``
,,Mir ist noch ein weiterer Punkt wichtig``, begann Pieter.
,,Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann ist das Messen im
Kern lediglich ein Vergleichen. D.h. was meßbar ist, das wirkt nicht
nur im Meßgerät, sondern auch in den Realien. Kurz: was meßbar ist,
das existiert bzw. nach Transposition: was nicht existiert, das ist nicht
meßbar. Da die Meßgeräte aus den gleichen Stoffen bestehen wie die
vorgefundenen Dinge, ist das auch nicht verwunderlich. Denn die Realien,
seien es nun Konsumgüter oder Meßgeräte, werden lediglich durch
Umwandlung aus den Naturressourcen gewonnen, nicht erzeugt. Die Zwecke
bilden das Ziel der Umwandlung; sind aber nicht der Stoff. Insofern ist
die Meßbarkeit ein Existenzbeweis für Realien.``
,,Auch nach meinem Dafürhalten kann der methodische Konstruktivismus
ein analytischer Materialismus sein``, entgegnete Niels. ,,Das ist
eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Dialektikern und
Konstruktivisten.``
Hilde, Sofie und Pieter waren am Nachmittag derart von ihren Hausarbeiten
in Anspruch genommen, daß sie ein weiteres Mal die zweite Heimat versäumten.