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Persuasion

Sir Walter Elliot, of Kellynch Hall, in Somersetshire, was a man who, for his own amusement, never took up any book but the Baronetage; there he found occupation for an idle hour, and consolation in a distressed one; there his faculties were roused into admiration and respect by contemplating the limited remnant of the earliest patents. Und die Stelle, an der sich der Adelskalender natürlich wie von selbst aufschlug, berichtete von den Elliots als Nachfahren einer langen und ruhmreichen Tradition. Mit unverhohlener Ironie treibt Austen ihre Charakterisierung des Adels auf die Spitze: Vanity was the beginning and end of Sir Walter Elliot's character: vanity of person and of situation. Das einzige, worauf der eitle Gockel wirklich stolz sein konnte, war seine Frau. Und ihr einziger Fehler war es, ihn geheiratet zu haben: Lady Elliot had been an excellent woman, sensible and amiable, whose judgement and conduct, if they might be pardoned the youthful infatuation which made her Lady Elliot, had never required indulgence afterwards. Nachdem sie sich 17 Jahre lang mit seinen Schwächen arrangiert, umsichtig Haus und Familie geführt und ihm drei Töchter geboren und erzogen hatte, nahte ihr 1800 viel zu früh die Abschiedsstunde. Der Mädchen Elizabeth, Anne und Mary von 9, 13 und 15 Jahren nahm sich zum Glück für alle Beteiligten eine langjährige Freundin der Mutter an: Lady Russell. Sie war die Patentante Anne's und brachte es fertig, trotz ihres gesunden Menschenverstandes nicht unerhebliche Standesvorurteile zu pflegen: She had a cultivated mind, and was, generally speaking, rational and consistent; but she had prejudices on the side of ancestry; she had a value for rank and consequence, which blinded her a little to the faults of those who possessed them. Herself the widow of only a knight, she gave the dignity of a baronet all its due.

Als nun der Liebreiz Annes's mit 19 Jahren gerade noch in Blüte stand, hielt der redliche und wohlgestaltete Captain Frederick Wentworth um ihre Hand an. Beide verliebten sich ineinander und der Verlobung sollte die Ehe folgen. Für Lady Russell sprachen allerdings der Makel des Standes und des fehlenden Vermögens gegen eine Heirat und so überredete sie Anne, die Verlobung wieder aufzulösen. Das große Glück einer romantischen Liebe wurde der Lebensklugheit geopfert und die natürliche Entwicklung eines unnatürlichen Anfangs nahm ihren betrüblichen Lauf: How eloquent could Anne Elliot have been! How eloquent, at least, were her wishes on the side of early warm attachment, and a cheerful confidence in futurity, against that over-anxious caution which seems to insult exertion and distrust Providence! She had been forced into prudence in her youth, she learned romance as she grew older: the natural sequel of an unnatural beginning. Ihre hohen Ansprüche und das beschränkte gesellschaftliche Umfeld sollten Anne keine zweite Liebe bescheren und so verfiel sie fortan in Wehmut und Melancholie, die ihre jungendliche Blüte rasch zum Welken brachten: A few mounth had seen the beginning an the end of her acquaintance; but not with a few mounth ended Anne's share of suffering from it. Her attachments and regrets had, for a long time, clouded every enjoyment of youth, and an early loss of bloom and spirits had been their lasting effect.

Mehr als sieben Jahre später hatten die Elliot's ihren großspurig aristokratischen Lebensstil aufgeben müssen, da der eitel verschwenderisch über seine Verhältnisse lebende Sir Walter sein Vermögen schlichtweg verprasst und sich ganz schuldlos hoch verschuldet hatte, wie Austen es ironisch kommentiert. Sein Anwesen musste ausgerechnet an dem zu Reichtum gekommenen Admiral Croft aus bürgerlichen Verhältnissen vermietet werden. Sir Walter hatte mit einer einfachen Stadtwohnung in Bath vorlieb nehmen müssen und Anne war von den Musgroves eingeladen worden, mit denen sie verwandt war, seitdem ihre Schwester Mary Charles Musgrove geheiratet hatte. Charles hatte neben einem jüngeren Bruder noch zwei Schwestern, Henrietta und Lousia, die mit 19 und 20 Jahren gerade in dem Alter waren als Anne sich erstmals verliebt hatte und wieder entlieben musste. Unterdessen war der Krieg gegen Napoleon siegreich beendet worden, so dass viele Offiziere ruhmreich und vermögend in ihre Heimat zurück kehrten. Und wie der Zufall so spielte, das Schicksal es einfädelte oder womöglich von Captain Wentworth beabsichtigt wurde: im Haus der Musgroves trafen die beiden einst Verliebten wieder aufeinander, wobei Frederick im Gegensatz zu Anne nicht nur wohlhabend, sondern auch noch attraktiver geworden war: The years which had destroyed Anne's youth and bloom had only given him a more glowing, manly, open look, in no respect lessening his personal advantages. Die Musgrove-Töchter waren zum Leidwesen Anne's sogleich Feuer und Flamme für den virilen und charmanten Captain. Würde er dem jungendlichen Liebreiz einer der Schwestern verfallen? Aber waren nicht acht Jahre für beständige Gefühle kaum mehr als nichts? ``A strong mind, with sweetness of manner'', made the first and the last of the description. ``That is the woman I want,'' said he. Das ließ hoffen. Wenn da nur nicht immer die schicklichen Umgangsformen in Gesellschaft wären: His cold politeness, his ceremonious grace, were worse than anything.

Zum Glück stand schon bald ein Ausflug an die See an: To Lyme they were to go - Charles, Mary, Anne, Henrietta, Louisia, and Captain Wentworth. Umgarnt von den verliebten jungen Damen wirkte Frederick jünger und heiterer als Anne, die sich in ihrem Verdruss nur noch umso älter vorkam. Aber mehr als Schwärmerei hegte der Captain nicht für den Liebreiz der verspielt übermütigen Mädels. Unterbrochen wurde das Liebeswerben durch den Besuch eines befreundeten Seemanns des Captains, der in der Nähe eine bescheidene Bleibe gefunden hatte, da er während des Krieges schwer verwundet worden war und sich darob der Poesie verschrieben hatte. Die Gastfreundschaft dieses lebenserfahrenen und gebildeten Seemanns regte in den Frauen natürlich positive Gefühle dem ganzen Beruftsstand gegenüber an: Anne thought she left great happiness behind her when they quitted the house; and Louisia, by whom she found herself walking, burst forth into raptures of admiration and delight on the character of the navy; their friendliness, their brotherliness, their openess, their uprightness, protesting that she was convinced of sailors having more worth and warmth than any other set of men in England; that they only knew how to live, and they only deserved to be respected and loved. Dieses Loblied auf die Marine war nicht nur der Liebesblödigkeit geschuldet, sondern auch ernst gemeint. Das Ansehen Austens für Adel und Klerus war dem für Marine und Bürgertum gewichen; ganz im Einklang mit dem gesellschaftlichen Wandel ihrer Zeit.

Die Sommerfrische an der See hielt noch weitere Überraschungen parat. How very extraordinary! Ja, was für ein Zufall!, rief Mary aus, als sie ihren Vetter Mr. Elliot am gleichen Ort sahen, ohne ihm vorgestellt worden zu sein. Für Captain Wentworth war es geradezu ein Wink des Schicksals: Putting all this very extraordinary circumstances together, sagte er zu Anne, we must consider it to be the arrangement of Providence that you sould not be introduced to your cousin. Und noch ein weiteres höchst ungewöhnliches Ereignis sollte sich nachhaltig auf die Freizeitgesellschaft auswirken. In spielerischem Übermut musste Louisia immer wieder die Treppe zur Deichhöhe am Ufer herunterspringen, um sich vom Captain genussvoll auffangen zu lassen: In all their walks he had had to jump her from the stiles; the sensation was delightful to her. The hardness of the pavement for her feet made him less willing upon the present occasion; he did it, however. She was safely down, and instantly, to show her enjoyment, ran up the steps to be jumped down again. He advised her against it, though the jar too great; but no, he reasoned and talked in vain, she smiled and said, ``Im determined I will:'' he put out his hands; she was too precipitate by half a second, she fell on the pavement on the Lower Cobb, and was taken up lifeless! Sie wirkte wie tot, war es aber zum Glück nur scheinbar. Mit einer schweren Gehirnerschütterung hatte sie für die nächsten Wochen das Bett zu hüten. Captain Wentworth hatte wieder seine Ruhe und war fortan vor den Nachstellungen der jungen Damen gefeit. Hatte er einen Unfall vielleicht sogar heraufbeschwören wollen; zwar nicht so folgenreich, aber zumindest um Anne ein Zeichen zu geben? Und wie war seine Bemerkung über die Schicksalshaftigkeit des Verpassens ihres Vetters zu verstehen? Ahnte er, dass Mr. Elliot aufgrund finanzieller Sorgen ein Auge auf seine Cousine geworfen hatte?

Anne kehrte zu ihrem Vater zurück und war beschämt über seinen Umgang mit dem höheren Adel: There was no superiority of manner, accomplishment, or understanding. Da erneuerte sie lieber ihre alte Freundschaft mit der aus einfachen Verhältnissen stammenden Mrs. Smith, die bereits eine unerfreuliche Ehe hinter sich gebracht hatte: The husband had not been what he ought, and the wife had been led amoung that part of mankind which made her think worse of the world than she hoped it deserved. Da war es wohl allemal besser keinen als so einen Ehemann gefunden zu haben. Twelve years had changed Anne from the blooming, silent, unformed girl of fifteen, to the elegant little woman of seven-and-twenty, with every beauty expecting bloom, and with manners as consciously right as they were invariably gentle; and twelve years had transformed the fine-looking, well-grown Miss Hamilton, in all the glow of health and confidence of superiority, into a poor, infirm, helpless widow, receiving the visit of her former protégée as a favour. Hätte Miss Hamilton lieber eine Versorgungsehe eingehen sollen anstatt nach ihrer Liebesheirat nunmehr mittellos dazustehen? Auch Mrs. Price, die ihre Tochter Fanny nach Mansfield Park gehen ließ, damit sie es einmal besser haben sollte, wird sich gelegentlich gefragt haben, ob ihre Liebesheirat mit einem Mann aus dem Volk die richtige Wahl gewesen war. Anne hätte ihren mittellosen Frederick ebenfalls geheiratet, wenn sie nicht von ihrer Patentante davon abgehalten worden wäre.

Der Mann ihrer Träume war unterdessen reich geworden und stand in hohem Ansehen; aber liebte er sie überhaupt noch? Sie wurde nicht schlau aus seiner sachlich-neutralen Haltung ihr und der Welt gegenüber. Gereichte das einem Seemann mittleren Alters nicht gerade zum Vorteil? Als Anne wieder einmal durch die Straßen spazierte, traf sie auf Admiral Croft, der gedankenversunken vor einem Schaufenster stand, in dem das Gemälde eines Schiffes ausgestellt war: Here I am, you see, staring at a picture. I can never get by this shop without stopping. But what a thing here is, by way of a boat. Do look at it. Did you ever see the like? What queer fellows your fine painters must be, to think that anybody would venture their lives in such a shapeless old cockle-shell as that? Wie konnte man sein Leben einer so seeuntüchtigen Nussschale anvertrauen? Den mit allen Wassern gewaschenen Seemann empörte die unrealistische Malweise des Künstlers. Austen mag diese Episode beschrieben haben, um auf ihr eigenes Literatur- und Gesellschaftsverständnis hinzuweisen. So wie der Admiral den mangelnden Realismus der bildenden Kunst beklagt, bemängelt Austen die Weltfremdheit des Adels und den lebensfern-rührseligen Liebesromanen ihrer Zeit stellt sie ihre realistisch-ironische Romankunst gegenüber. Dazu passt einmal mehr ihre Kritik an den öden oberflächlichen und nur auf Äußerlichkeiten bedachten Gesellschaften der besseren Kreise, in denen häufig genug geheuchelter Kunstverstand und vornehmer Stumpfsinn grassierten. Und wenn die Gesellschaft zu groß für Vertraulichkeit und zu klein für Abwechslung war, blieb nur die heitere Miene zum blöden Spiel. Eines aber erschloss sich trotz aller Unbill für Anne aus den widrigen Anlässen schicklichen gesellschaftlichen Umgangs: die Eifersucht Captain Wentworth's. Wiederholt hatte sie ihrem Vetter Zuneigung und Aufmerksamkeit gezollt; aber ein Besuch ihrer Freundin Mrs. Smith vermochte sie aufzuklären: Mr. Elliot is a man without heart or conscience; a designing, wary, cold-blooded being, who things only of himself; who, for his own interest or ease, would be of any cruelty, or any treachery, that could be perpetrated without risk of his general character. He has no feeling for others. Was sollte man vom verarmten Adel auch anderes erwarten? Frederick hatte das selbstsüchtige Werben ihres Vetters um Anne aber sehr viel eher durchschaut als sie selbst. Erst die Freundin öffnete ihr die Augen.

Einen Tag später war Anne zu einer Gesellschaft bei den Musgroves eingeladen worden. Sie kam ob des schlechten Wetters etwas verspätet und die Gäste befanden sich bereits in einer regen Unterhaltung. Es ging um die Verlobungszeit, die nach einhelliger Meinung kurz und gewiss sein sollte. Nichts sei schlimmer als ein langes und ungewisses Heiratsversprechen. Anne fühlte sich unversehens angesprochen und lenkte sich ab, indem sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ. Dabei fiel ihr Captain Wentworth auf, der gerade das Schreiben eines Briefes unterbrochen hatte - und ihr seinerseits einen vielsagenden Blick zuwarf. An die Frage nach der Beständigkeit der Liebe vor der Ehe schlossen sich Betrachtungen darüber an, wie schnell man den Partner im Todesfall wohl vergessen könne. Hierzu erwiderte Anne auf eine Frage Captain Harville's: We certainly do not forget you so soon as you forget us. It is, perhaps, our fate rather than our merit. We cannot help ourselves. We live at home, quiet, confined, and our feelings prey upon us. You are forced on exertion. You have always a profession, pursuits, business of some sort or other, to take you back into the world immediately, and occupation and change soon weaken impressions. Sind es also die Umstände oder ist es die Natur des Mannes, einen Schicksalsschlag schneller vergessen zu können? Der Seemann Harville wandte sich entschieden an Miss Elliot: No, no, it is not man's nature. I will not allow it to be more man's nature than woman's to be inconstant and forget those they do love, or have loved. I believe the reverse. I believe in a true analogy between our bodily frames and our mental; and that as our bodies are the strongest, so are our feelings; capable of bearing most rough usage, and riding out the heaviest weather. Die Gefühle eines Mannes mögen stärker sein, aber dafür sind die einer Frau zärtlicher, begann Anne ihre Entgegnung, wurde aber unterbrochen als Frederick die Feder aus der Hand viel. Kurze Zeit später wandte sich Captain Harville wieder an Miss Elliot mit der Bemerkung, dass in allen Geschichten, Versen und Liedern, immer die Frauen es seien, die unbeständig und untreu geschildert würden. Anne lehnte das ganz entschieden ab: No reference to examples in books. Men have had every advantage of us in telling their own story. Education has been theirs in so much higher a degree; the pen has been in their hands. I will not allow books to prove anything. Dieser Ausspruch kann wohl zwanglos als früher Feminismus gelten, zumal Austen die anschließende Diskussion ergebnislos ausgehen lässt; Anne aber das Schlusswort vorbehält: All the privilege I claim for my own sex (it is not a very enviable one: you need not covet it), is that of loving longest, when existence or when hope is gone!

Diese Parallelisierung zwischen dem schreibenden Captain Wentworth und dem Gespräch, in dem Anne ihre ganz eigenen Gefühle ihm gegenüber als Eigenschaft ihres Geschlechts gegen die Schriftsteller (mit der Feder in der Hand) verteidigt und Frederick dabei ironischerweise die Feder aus der Hand fällt, ist der emanzipatorische Höhepunkt des Romans. Nunmehr sind es auch die Frauen, die schreiben und die Literatur zu prägen beginnen, damit später einmal ihre Geschlechtsgenossinnen sich auf sie berufen können, ohne länger von Männern bevormundet zu werden. Zugleich demontiert Austen aber noch das als typisch weiblich hervorgehobene Privileg, dass es einzig die Frauen seien, die über längere Zeit eine Liebe in sich zu erhalten vermögen, auch wenn die Hoffnung längst geschwunden sein sollte. Captain Wentworth jedenfalls zählte zu den Männern, denen es ähnlich erging und nach Abschluss des Gesprächs, das Anne sichtlich mitgenommen hatte, bedeutete er ihr für die anderen unauffällig, dass er auch für sie einen Brief geschrieben hätte. Das Werk eines Augenblicks verwandelte alles im Leben Anne's. Sie verschlang den Brief geradezu mit ihren Augen. Die entscheidenden Zeilen sollte sie nie vergessen: Dare not say that man forgets sooner than woman, that his love has an earlier death. I have loved none but you. Dem Happy End stand nun nichts mehr im Wege. Einen Schuss Ironie kann sich die Autorin wiederum nicht verkneifen: She gloried in being a sailor's wife, but she must pay the tax of quick alarm for belonging to that profession which is, if possible, more distinguished in its domestic virtues than in its national importance.

Jane Austen in ihren Romanen und Mary Wollstonecraft in ihren Essays thematisierten in für ihre Zeit untypischer Weise die Bildungsansprüche, Selbstbestimmung und Rechtsgleichheit der Frau. Während aber Austen ihrem von Haus aus christlich-konservativen Weltbild verhaftet blieb, nahm Wollstonecraft in kühner Weise den bürgerlichen Emanzipationsanspruch der französischen Aufklärer und Revolutionäre auf. Im folgenden viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts wurde der Roman zur vorherrschenden literarischen Gattung; an der gesellschaftlichen Stellung der Frauen änderte sich vorerst aber nur wenig. Nach wie vor blieb ihnen der Zugang zu akademischer Bildung verwehrt und so musste sich auch die nächste Generation der Schriftstellerinnen nicht nur aus sich heraus entwickeln, sondern auch noch gegen die Widerstände und Rückschläge ihrer Umgebung behaupten. Unter den Autorinnen, die noch ganz dem christlich-konservatien Weltbild verhaftet blieben, sind die Schwestern Brontë und George Eliot hervorzuheben. Patrick Branty, der 1777 in Nordirland unter vielen Geschwistern auf einem ärmlichen Bauernhof aufgewachsen war, hatte die Möglichkeit zu einem geistlichen Studium an der Universität Cambridge erhalten und war 1809 auf die Pfarrei in Bradford berufen worden. Nachdem der Kriegsheld Lord Nelson als Folge seines Sieges in der Schlacht bei Abukir 1799 zum Herzog von Bronte erhoben worden war, hatte Patrick seinen Namen auf Brontë geändert. Was ihn zu der Namensänderung bewogen haben mag, bleibt unklar: Patriotismus? Eine Vorliebe für das süditalienische Herzogtum Bronte? Die unerhörte Dreierbeziehung zwischen Admiral Nelson und dem Diplomaten-Ehepaar Hamilton wohl eher nicht. In Bradford lernte der fromme Mann schon bald die rechte Frau für sich kennen: Maria Branwell, eine Waise und Kusine eines methodistischen Geistlichen. Der Eheschließung folgten in rascher Folge die Kinder: 1816 kam Charlotte zur Welt, 1817 ein Sohn, Branwell, 1818 Emily Jane und im Januar 1820 Anne, das letzte Kind. Und wie Waldmann weiter ausführt, zog die Familie fünf Jahre später nach Haworth, wo Pfarrer Patrick die feste Stelle eines Untergeistlichen antreten konnte.

Ende 1824 kamen Charlotte und Emily in die geistliche Privatschule Cowan Bridge, deren Unterdrückungspraxis und schreckliche Tyrannei Charlotte später in ihrem Roman Jane Eyre verarbeiten sollte. Die Welt der Phantasie und das Tagträumen waren den misshandelten und gedemütigten Mädchen der einzige Trost. Und mit dem Hinweis auf ein besseres ,,Jenseits`` haben es die grausamen Pfaffen schon von alters her verstanden, sich ihre arglosen Schützlinge gefügig zu machen. Die eigensinnige und in sich gekehrte Emily hielt es auch in der zweiten Schule nicht lange aus, fortan verzichtete sie ganz auf weitere Bildung und blieb einfach zu Hause. In ihren literarischen Visionen sponnen die Mädchen phantastische Geschichten aus, die sie zu komplizierten Gefügen urwüchsiger, riesenhafter Sagen verwoben. Ihre ersten Gedichte präsentieren die jungen Damen dem etablierten Dichter Robert Southey. Sein chauvinistisch herablassendes Urteil kann als typisch für die männliche Überheblichkeit der Zeit angesehen werden: Literatur kann und darf nicht die Lebensaufgabe einer Frau sein. Je mehr sie mit ihren eigentlichen Aufgaben beschäftigt ist, desto weniger Muße wird sie für die Literatur erübrigen können. In derartig frauenfeindlicher Umgebung konnte Emily ihren ersten - wild poetischen - Roman nur unter Pseudonym veröffentlichen: als Ellis Bell.

Der bei den Brontë-Schwestern vorherrschende Hang zu Eigensinn und Selbstgenügsamkeit war bei Emily am ausgeprägtesten. Sie schrieb die schönsten Gedichte und schuf mit Wuthering Heights ein grandioses Meisterwerk der Weltliteratur. Mit ihrer schroffen Konfrontation zwischen heißblütiger Leidenschaft und eiskalter Gefühlskontrolle in der wildwütigen Umgebung der wetterumtosten Sturmhöhe versetzt die junge Autorin den Leser unversehens in die Atmosphäre eigener Gefühlsstürme und man ahnt wie stark sie selbst beim Schreiben immer wieder aufgewühlt und beruhigt worden war. Die rauhe Landschaft scheint ihrem Erzähler ein wahres Paradies für Menschenfeinde zu sein: 1801.- I have just returned from a visit to my landlord - the solitary neighbour that I shall be troubled with. This is certainly, a beautiful country! In all England, I do not believe that I could have fixed on a situation so completely removed from the stir of society. A perfect misanthropist's Heaven - and Mr. Heathcliff and I are such a suitable pair to divide the desolation between us. A capital fellow! Der Erzähler Mr. Lockwood, der sich in Thrushcross Grange für einige Zeit vom Zivilisationstrubel zurückziehen wollte, lässt sich von der alten Haushälterin die Geschichte des Findelkindes Heathcliff erzählen. Und so taucht er in eine schaurig fremde Welt ein, die ihn mehr und mehr zu verfolgen und zu besitzen beginnt: In vapid listlessness I leant my head against the window, and continued spelling over Catherine Earnshaw Heathcliff Linton, till my eyes closed; but they had not rested five minutes when a glare of white letters started from the dark, as vivid as spectres - the air swarmed with Catherines; and rousing myself to dispel the obtrusive name, I discovered my candle wick reclining on one of the antique volumes, and perfuming the place with an odour of roasted calf-skin. Nächtliche Lichtspiele und Schattenwesen, landschaftliche Stimmungsbilder und aufwühlende Tagträume wechseln sich mit zunehmend schlaflosen oder durchträumten Nächten ab, so dass sich Lockwood mit Vorliebe nachts bei Kerzenlich erzählen lässt.

Vom Sohn der Earnshaw's wurde das Findelkind schon bald als Eindringling empfunden und entsprechend missgünstig behandelt. Tochter Cathy dagegen, ein verhätschelt erzogenes und launisch wankelmütiges Kind, sah sich beim Heranwachsen im Bunde mit dem rohen Wesen. Heiraten würde sie aber den wohlerzogenen Linton, obwohl der Landadlige sich von dem Naturburschen unterscheide wie ,,ein Mondstrahl vom Blitz, wie das Eis vom Feuer``; denn ihrem Kindermädchen Nelly bekennt sie: ``It would degrade me to marry Heathcliff, now; so he shall never know how I love him; and that, not because he's handsome, Nelly, but because he's more myself than I am. Whatever our souls are made of, his and mine are the same, and Linton's is as different as a moonbeam from lightning, or frost from fire.'' Unbändige Leidenschaft und hitzige Gefühlsüberschwänge vermögen die junge Frau so weit zu beherrschen, dass ihr Heathcliff als einziger und notwendiger Lebensinhalt gilt, mit dem sie auf immer zusammenbleiben wird, auch wenn sie ihn nicht heiraten und er aus ihrem Leben verschwinden sollte: ``My great miseries in this world have been Heathcliff's miseries, and I watched and felt each from the beginning; my great thought in living is himself. If all else perished, and he remained, I should still continue to be; and if all else remained, and he were annihilated, the Universe would turn to a mighty stranger. I should not seem a part of it. My love for Linton is like the foliage in the woods. Time will change it, I'm well aware, as winter changes the trees - my love for Heathcliff resembles the eternal rocks beneath - a source of little visible delight, but necessary. Nelly, I am Heathcliff - he's always, always in my mind - not as a pleasure, any more than I am always a pleasure to myself - but, as my own being - so, don't talk of our separation again - it is impracticable;'' Derartiger Leidenschaft gegenüber erstarrt der Ehemann zu Reglosigkeit: ``Your cold blood cannot be worked into a fever - your veins are full of ice-water - but mine are boiling, and the sight of such chilliness makes them dance.'' Eifersucht und Begierde werden unverhohlen ausmalend geschildert und die beiden wahrhaft Liebenden können weder miteinander leben noch ohne einander auskommen. Heathcliff kann es nur schwer ertragen, dass seine so sehr Begehrte einen bloß reichen Schnösel geheiratet hatte: The moment her regard ceased, I would have torn his heart out, and drank his blood! Derartig klarsichtig Rasenden bleibt am Ende nur die Grabesruhe. In stiller Andacht steht der Erzähler vor den Steinen: I sought, and soon discovered, the three head-stones on the slope next the moor - the middle one, grey, and half buried in heath - Edgar Linton's only harmonized by the turf and moss, creeping up its foot - Heathcliff's still bare.

Ein Jahr nach Abschluss ihres grandiosen Romans starb Emiliy im Alter von nur 30 Jahren. Ebenso wie Jane Austen war es auch Emily Brontë nicht vergönnt gewesen, ihre Gefühlsstürme mit heiß begehrten Menschen ausleben zu können. Das blieb vorerst noch exentrischen Adligen, ausschweifenden Künstlern - oder Kriegshelden vorbehalten. Die Liebschaft der jungen und schönen Emma Hamilton mit Admiral Nelson wird auch Austen bekannt gewesen sein; gab es doch genügend Klatsch und Tratsch in den Zeitungen darüber. Und wie die Sturmhöhe bei Emily hätte der Vesuv einem Liebhaber des Vulkans das Symbol für die überschwänglichen Gefühlsausbrüche und das schickliche Diplomatenleben Lady Hamiltons sein können. Susan Sontag hat in ihrem Roman den Weg des sozial benachteiligten, aber zielstrebigen Mädchens von der jugendlichen Mätresse bis zur etablierten Ehefrau des alten Sir Hamiltons nachempfunden. Die Liebschaft der jungen Schönen mit dem hässlich verstümmelten Kriegshelden wird dabei noch überschattet von den Kriegszügen der napoleonischen Revolutionstruppen gegen die royalistischen Alliierten. Gesellschaft und Lebenswelt waren im Umbruch begriffen, die bürgerlich-industrielle Revolution sollte das ganze 19. Jahrhundert prägen. Wie Virginia Woolf in ihrem Essay über Wuthering Heights ausführt, war der Impuls, der Emily zum Schaffen drängte, nicht eigenes Leiden oder eigene Kränkungen. Sie blickte hinaus auf eine Welt, die zerrissen in ungeheurer Unordnung vor ihr lag, und fühlte die Kraft in sich, sie in einem Buch zu einen. Aufgrund ihrer übermächtigen Persönlichkeit schrieb sie um der Poesie willen; in ihr wurde die Macht fühlbar, die den Erscheinungen der menschlichen Natur zugrunde liegt. Die bieder-ironischen Charakterzeichnungen und Verhaltensschilderungen junger Mittelschichtsfrauen im England um 1800 bei Jane Austen sind von Emily Brontë 50 Jahre später zur Urgewalt der Leidenschaften in der menschlichen Natur erweitert worden. Freizügig im Freundeskreis ausleben konnten die christlich religionsgefangenen Autorinnen ihre Sehnsüchte und Phantasien aber nicht, nur literarisch verwandelnd erfühlen. Der auch lebensweltliche Durchbruch im aufgeklärt-humanistischen Milieu von Kunst und Wissenschaft gelang erst Virginia Woolf mit The Voyage Out 1915.

Ein Jahrhunndert nach Jane Austen, Virginia Woolf knew all too well the forms that she was supposed to follow when writing of a young lady's entrance into the world, and she struggled to subvert the conventions, wittily and assiduously, rewriting and revising the novel many times, heißt es kommentierend in der Oxford World's Classics - Ausgabe: In Woolf's first novel ``things formed themselves into a pattern'' that was to change the map of fiction. Woolf's Fahrt hinaus war nicht nur die Seereise ihrer Heldin Rachel Vinrace nach Südamerika, it was a voyage of exploration. In her 1919 essay on Modern Fiction she says that ``if a writer were a free man and not a slave ... there would be no plot, no comedy, no tragedy, no love interest or catastrophe in the accepted style ...'' Im Gegensatz zum traditionellen Realismus Austen's bricht Woolf zu neuen Ufern auf: It was for her, already, at her setting out, a travesty of freedom, a set of conventions that denied life its complexity and fluidity. Im Patriarchat kann und darf Literatur nicht die Lebensaufgabe einer Frau sein, die künstlerische Freiheit bleibt allein dem Mann vorbehalten. Mit ihrer Travestie der Freiheit nimmt sich Virginia die Freiheit, nicht nur selbstbestimmt als phantasievolle Autorin hervorzutreten, sondern dank ihrer Imagination zugleich die Literatur zu revolutionieren: The novel is most imaginative when it leaves society behind and takes Rachel on a dreamlike journey into the heart of the jungle and then follows her mind, through illness, into death. Und Lyndall Gordon fährt fort: Rachel must die: her undefined spirit can find no habitation in marriage but continues to reverberate beyond her particular lifespan. Her hallucination called for a new form of narrative that was to develop into the modern novel. In Woolf's Travestie der künstlerischen Freiheit ist für eine Frau kein Platz. Zum Ende des 20. Jahrhunderts fällt der filmtechnische Rückblick auf die dem Untergang geweihte Titanic bei ihrer Fahrt hinaus für die Frau optimistischer aus. Camerons Heldin Rose überlebt den Untergang des unsinkbares Schiffes, mit dem er gleichsam den männlichen Größenwahn und das viktorianische Zeitalter untergehen lässt. Sollte im 21. Jahrhundert für maskuline Überheblichkeit kein Platz mehr sein? Bricht womöglich das Jahrhundert der Frau an?

Virginias Idee zu dem Gleichnis einer Fahrt geht auf das Jahr 1899 zurück. Wie Gordon zu berichten weiß, wurden Notizen dazu ausgerechnet in einem Buch über die Philosophie des 18. Jahrhunderts gefunden: Logic or the Right Use of Reason in the Inquiry after Truth. Dort hinterlässt die 17jährige Leserin die Zeilen: ``I must now expound another simile that has been rolling itself round in my mind for many days past. This is that I am ... bound on some long voyage. ... I have taken with me after anxious thought all the provisions for my mind that are necessary to the voyage.'' An Bord der Euphrosyne trifft Rachel zunächst auf die Herren Pepper, Ridley und Willoughby sowie auf das Ehepaar Dalloway. Der Rahmen ihrer Professionen wird sogleich sehr viel weiter gespannt als bei Austen: Pepper knew about a great many things - about mathematics, history, Greek, zoology, economics, and Icelandic Sagas. ... Ridley was a scholar, and Willoughby was a man of business. Der Heldin dagegen wurde ein Studium nach eigener Wahl verwehrt: Rachel, being musical, was allowed to learn nothing but music; she became a fanatic about music. Und Mrs. Dalloway? Die begann unversehens zu schreiben: Picture us, my dear, afloat in the very oddest ship you can imagine. It's not the ship, so much as the people. So seltsam wie das Schiff, so wunderlich die Reisenden. Unter ihnen ein nettes, schüchternes Mädchen: Then there is a nice shy girl - poor thing - I wish one could rake her out before it's too late. She has quite nice eyes and hair, only, of course, she'll get funny too. We ought to start a society for broadening the minds of the young - much more useful than missionaries. Eine Gesellschaft zur Horizonterweiterung der Jugend wäre wahrlich besser als christliche Missionierung. Dem Preisen ihrer literarischen Vorbilder vermag Rachel aber nicht ganz zu folgen. Mehr noch als die Brontë-Schwestern gefällt Mrs. Dalloway Jane Austen. Rachel hält die eher für einen - ,,strammen Zopf``: ``Jane Austen? I don't like Jane Austen,'' said Rachel. ``She's so - so - well, so like a tight plait,'' Rachel floundered. Trotz ihres auf die Gleichberechtigung der Geschlechter zielenden ironischen Realismus' bleibt Jane Austen dem christlich-konservativen Weltbild ihrer Zeit verhaftet. Dieser ,,stramme Zopf`` wird dem literaturästhetischen Kamm und der erkenntniskritischen Schere Virginia Woolf's zum Opfer fallen.


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ingo 2009-06-14