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Northanger Abbey

Nachdem Jane Austen in 22 Frühwerken ihr Schreibtalent hinreichend spielerisch erprobt hatte, macht sie sich ernsthaft an die Arbeit. Northanger Abbey, ihr Roman des Übergangs und der Reflexion, hebt mit einer unterhaltsamen Zweideutigkeit an, die die aufmerksame Leserin sogleich auf das Werk einstimmt: No one who had ever seen Catherine Morland in her infancy would have supposed her born to be a heroine. Die Leserin erwartet der Entwicklungsroman eines Mädchens als Bildungsweg aus Kindertagen bis hin zur Heirat: Henry and Catherine were married, the bells rang and everybode smiled. Was macht Catherine zur Romanheldin, wenn ihr Lebensweg durch eine Heirat mit Henry besiegelt wird, zu der die Glocken läuten und alle lächeln? Das war natürlich ironisch gemeint und zudem konnte Janes pubertäre Entrüstung über die Affären ihres Bruders mit ihrer Cousine nunmehr belächelt werden, da sie sich schicklich ins Ehegefängnis begeben hatten. From fifteen to seventeen she was in training for a heroine: she read all such works as heorines must read to supply their memories with those quotations which are so serviceable and so soothing in the vicissitudes of their eventful lives. Es folgen gängige Zitate der Dichter Alexander Pope, Thomas Gray, James Thomson und William Shakespeare. Von letzterem lernt die Romanheldin, that a young woman in love always looks ,,like Patience on a monument / Smiling at Grief``. Derart schöngeistig gebildet, wird Catherine unverhofft von reichen Verwandten, den Allens, nach Bath eingeladen. Den Namen Allen hatte Jane natürlich nicht zufällig gewählt, er kommt auch in Henry Fieldings Tom Jones vor, dem Lieblingsbuch Tom Lefroys. Das hübsche, aber noch unerfahrene Mädchen von 17 Jahren macht sich auf den Weg. Verabschiedet wird sie mit den für die Morlands typischen alltäglichen Empfindungen alltäglicher Menschen: Everything, indeed, relative to this important journey was done on the part of the Morlands with a degree of moderation and composure, which seemed rather consistent with the common feelings of common life, than with the refined susceptibilities - the tender emotions which the first separation of a heroine from her family ought always to excite. Auch das ist wieder doppeldeutig gemeint und gilt sowohl im Roman als auch für das Romanverständnis Austens, nach dem es sich in Romanen um die realistisch-ironische Ausgestaltung alltäglicher Empfindungen alltäglicher Menschen handeln sollte.

In Bath angekommen, lernt Catherine schon auf ihrem ersten Ball den charmanten und humorvollen Henry Tilney kennen. Der ist nicht nur Sohn des stinkreichen General Tilney, sondern auch noch Pfarrer!? Ein Umstand, der auf Catherine äußerst anziehend wirkt. Vielleicht, weil sie wie Jane selbst aus einer Pfarrersfamilie stammt? So einfach ist es natürlich nicht: She liked him the better for being a clergyman, ``for she must confess herself very partial to the profession''; and something like a sigh escaped her as she said it. Perhaps Catherine was wrong in not demanding the caused of that gentle emotion, but she was not experienced enough in the finesse of love, or the duties of friendship, to know when delicate raillery was properly called for, or when a confidence should be forced. Tja, wie vertrauenswürdig können Gefühle sein? Kurze Zeit später wird die Pfarrerstochter der Familie Thorpe vorgestellt. Mit der ältesten Tochter Isabella freundet sie sich schnell an und wie es der Zufall so will, ist Catherine's Bruder James ein Studienkollege des Bruders Isabella's. Die jungen Damen und Herren besuchen nicht nur Bälle und Opern, unternehmen Ausfahrten und Spaziergänge, sie kaufen sich auch Bücher und lesen sie gemeinsam. Die allgemeine Abneigung der Herren gegenüber Romanen versteht die Autorin unterhaltsam zu parodieren: ``And what are you reading, Miss - ?'' ``Oh! it is only a novel'' replies the young lady; while she lays down her book with affected indifference, or momentary shame. ``It is only Cecilia, or Camilla, or Belinda'': or, in short, some work in which the greatest powers of the mind are displayed, in which the most thorough knowledge of human nature, the happiest delineation of its varieties, the liveliest effusions of wit and humor, are conveyed to the world in the best chosen language. Und Todd merkt an: Yet, as usual in Austen, nothing is quite what it seems first. She knows that Burney and Edgeworth are writing novels for entertainment, as she is; so there is some irony in the allusion here to their own stance. In the second preface to Evelina, Burney had praised only male writers and wished the total extirpation of novels that infect our young ladies in general, and boarding-school damsels in particular with distemper; Edgeworth's Adverstisment to Belinda claims The following work is offered to the public as a Moral Tale - the author not wishing to acknowledge a Novel.

Die jungen Damen lesen aber nicht nur die Frauenromane Francis Burney's und Maria Edgeworth's, sondern auch Schauergeschichten, wie The Mysteries of Udolpho von Anne Radcliffe und The Monk von Lewis. Wie Erlebach hervorhebt, ist das Werk des 20jährigen ,,Monk Lewis`` ein prall gefülltes Kompendium von Gewalt, sexuellen Perversionen und orgiastischen Ausschweifungen um den Mönch Ambrosio und seine dämonische Geliebte Matilda. Während der lasterhafte Männerroman mit seiner Darstellung pervertierter Sinnlichkeit die latente Lüsternheit des Lesers reizt, geht es in dem Frauenroman um die Seelenqualen der jungen, hochsensiblen und kultivierten Emily St. Aubert, die nach dem Tod ihrer Eltern in die Obhut ihrer niederträchtigen Tante und ihres noch weitaus wüsteren Ehemanns Montoni gegeben wird und eine lange Leidens- und Schreckenszeit zu überstehen hat. In Udolpho, einer alten gotischen Burg im Apennin, stehen ihr grauenvolle Überraschungen bevor. Die empfindsame Emily hat nicht nur das zum Glück von einem schwarzen Seidenvorhang verhüllte Bild einer grässlich verunstalteten Leiche zu ertragen, sondern wird auch mit den Bandenkriegen der in unterirdischen Gewölben hausenden Gefangenen konfrontiert. Nachdem der Wüstling Montoni ihre Tante eingekerkert und dem Hungertod überlassen hat, um sich ihr Erbe anzueignen, gelingt Emily mit einem Gefangenen die Flucht. Unterwegs ist vielerlei weiteres Gruseln und Entsetzen zu meistern, aber letztlich erreichen die beiden ein Schloss, in dem sie auf die ehemalige Burgherrin Udolphos treffen, die als Nonne ihr Leben fristet und alle Schreckens-Rätsel aufzuklären vermag; auch das, was sich hinter dem schwarzen Vorhang wirklich verbirgt und Catherine beim Lesen so in Atem hält: ``Have you gone on with Udolpho?'', fragt sie Isabella, die der Spannung nicht minder verfällt: ``Yes, I have been reading it ever since I woke; and I am got to the black veil.'' ``Are you, indeed? How delightful! Oh! I would not tell you what is behind the black veil for the world! Are not you wild to know?'' Die Mädels scheinen den gothic novels gänzlich zu verfallen: ``Dear creature, how much I'm obliged to you; and when you have finished Udolpho, we will read the Italian together; and I have made out a list of ten or twelve more of the same kind for you.''

Gehört das Gruseln und Entsetzen zur menschlichen Natur? Schon einer der Begründer englischer Romankunst, Henry Fielding, schreibt 1749 zum Auftackt in The History of Tom Jones, a Foundling: The Provision then which we have here made is no other than HUMAN NATURE. Fielding zitiert in seinem Entwicklungsroman die Dichterworte Pope's: True Wit is Nature to Advantage drest, / What oft' was thought, but ne'er so well exprest. Der Natur nachzueifern entspricht natürlich ganz dem philosophischen Naturalismus der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Und auch die Subgenres der englischen Romankunst zu der Zeit werden ihm verhaftet bleiben. Letztlich wird sich jeder noch so entsetzliche Terror enträtseln und verstehen lassen. Das gilt ebenso für die Alpträume, die keiner höheren Macht erwachsen, sondern schlicht ein Ausdruck der menschlichen Natur sind. 1764 hatte Horace Walpole einen furchteinflößenden Traum, of which all I could recover was, that I had thought myself in an ancient castle and that on the uppermost barrister of a great staircase I saw a gigantic hand in armour. Walpole gestaltete seinen Angsttraum zu einem Schauerroman aus und begründete ein neues Genre. Wie Erlebach anmerkt, enthält The Castle of Otranto bereits fast alle Ingredenzien, die eine gothic novel bis heute konstituieren: typisierte Figuren, dämonische Bösewichte, idealisierte Tugendvertreter, ein labyrinthisches setting, mysteriöse Vorfälle, Prophezeiungen, Gewalt, Lust und viel Blut. In Walpols Geschichte ist es der widerliche Schurke Manfred, der die liebreizende Unschuld Isabella verfolgt; statt ihrer aber versehentlich seine Tochter Matilda erdolcht und daraufhin ins Kloster geht, um Buße zu tun. Ende des 18. Jahrhunderts erreicht die erste Phase des Schauerromans, The School of Terror, mit Anne Radcliffe's The Italian ihren Höhepunkt. Mit The Monk hebt die zweite Phase an, The School of Horror, die 1820 endet mit Melmoth the Wanderer von Charles Maturin. Sein Protagonist wird von tiefer religiöser Verzweiflung gepeinigt, bevor er einen Pakt mit dem Teufel schließt. Findet der Schrecken in The School of Terror stets eine rationale Aufklärung, bleibt das Grauen in The School of Horror beunruhigend unverstanden.

Neben ihren literarischen Vorlieben, die sie nicht selten in schaurig-erotische Alpträume versetzt haben dürften, frönen Catherine und Isabella aber auch den ganz weltlichen Vergnügungen, die der Kurort Bath zu bieten hat. James hat unterdessen erfolgreich um Isabella's Hand angehalten; aber damit ist es natürlich noch nicht getan. Wirklich heiraten werden sie erst in zwei Jahren können, wenn James sein Studium beendet und Geld verdienen wird. Zwei Jahre sind für eine begehrende und schmachtende junge Frau unter Hormondruck - eine Ewigkeit. Und so erliegt Isabella schnell den Avancen des attraktiven Offiziers und Lebemannes Frederick Tilney. Da dem selbst wohlhabenden General Tilney zu Ohren gekommen ist, dass Catherine, die nur bei den Allen's wohnt, womöglich einmal ihr üppiges Erbe wird antreten können, lädt er sie zu einem Besuch auf sein Anwesen Northanger Abbey ein. Überglücklich und gespannt tritt Catherine mit ihrem umschwärmten Pfarrer Henry Tilney die gemeinsame Reise an. Angekommen in dem verwinkelten, labyrinthischen Gemäuer beginnt die Saat der Mysteries of Udolpho in ihr aufzugehen. Als sie vom frühen Tod der Mutter erfährt und spürt, dass der General ein Geheimnis daraus macht, beginnt die Phantasie ihr Werk. Nach dem Argwohn: Something was certainly to be concealed beschleicht sie ein fürchterlicher Verdacht: It was the air and attitude of a Montoni! Gab es in Northanger womöglich einen finsteren Kerker wie in Udolpho? Für Catherine verdichten sich die Ahnungen: All favoured the supposition of her imprisonment. Gut nur, dass sie sich im protestantischen England und nicht im katholischen Italien befinden. Pfarrer Henry vermag ihr den Kopf zu waschen: Remember that we are English: that we are Christians. Consult your own understanding, your own sense of the probable, your own observation of what is passing around you. Das klingt ganz so wie es schon der Königsberger Philosoph 1783 als Wahlspruch der Aufklärung formuliert hatte: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Hatte Austen Kant gelesen? Wohl kaum, aber vielleicht in Hume's Untersuchung über den menschlichen Verstand geschmökert, die 1758 erschienen war und auf die sich Kant in seinen Prolegomena bezog: Hume ging hauptsächlich von einem einzigen, aber wichtigen Begriffe der Metaphysik, nämlich dem der Verknüpfung der Ursache und Wirkung, aus. Northanger Abbey kann gleichsam als romanhafte Ausgestaltung der konventionalistischen Philosophie Humes verstanden werden, in der es darum geht, die für ursächlich gehaltenen Beziehungen zwischen Ereignissen, in der Regel als bloß konventionell zu entlarven. Ihre ganz eigenen und für die Zeit visionären Schlüsse daraus zog Mary Wollstonecraft. In ihrer VINDICATION OF THE RIGHTS OF WOMAN diskutiert sie 1792 auch THE PREVAILING OPINION OF A SEXUAL CHARACTER und führt nicht ohne Ironie unterhaltsam aus: Many women have not mind enough to have an affection for a woman, or a friendship for a man. But the sexual weakness that makes woman depend on a man for a subsistence, produces a kind of cattish affection, which leads a wife to purr about her husband as she would about any man who fed and caressed her. Die Ungerechtigkeit, Frauen die nötige Bildung zu verweigern, sie in materieller Abhängigkeit zu halten und ihnen dann auch noch Unmündigkeit und Unselbstständigkeit vorzuwerfen, empörte nicht minder Jane Austen.

Dem Verweben von Schauer- und Liebesgeschichten in ihrem Roman wohnt selbstredend wieder eine Ambiguität inne: The visions of romance were over. In Romanen sollte es um die Alltäglichkeit wirklicher Menschen gehen: Charming as were all Mrs. Radcliffe's works, and charming even as were the works of all her imitators, it was not them perhaps that human nature, at least in the midland counties of England was to be looked for. Diese Bemerkung bezieht sich nicht nur auf die Romankunst, sondern auch auf die Philosophie Jane Austens, die der Aufklärung zugeneigt blieb, trotz aller romantischer Dichtung. Und ein wenig Vernunft ist ebenso der Liebe zuträglich. Beide Aspekte hat Catherine im Zuge ihrer éducation sentimentale unterdessen beherzigt. Von Isabella aber muss sie Empörendes lesen, worüber sie sich so richtig aufregen kann: ``Isabella has deserted my brother, and is to marry yours! Could you have believed there had been such inconstancy, and fickleness, and everything that is bad in the world?'' Es sollte allerdings noch schlimmer kommen. Als nämlich der General davon Wind bekommt, dass Catherine überhaupt nicht als gute Partie anzusehen ist, schmeißt er sie kurzerhand raus. Wieder in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, muss Catherine aber nicht lange auf ihren Angebeteten warten: She was assured of his affection; and that heart in return was solicited, which, perhaps, they pretty equally knew was already entirely his own; for, though Henry was now sincerely attached to her - though he felt and delighted in all the excellencies of her character, and truly loved her society - I must confess that his affection originated in nothing better than gratitude; or, in other words, that a persuasion of her partiality for him had been the only cause of giving her a serious thought. It is a new circumstance in romance, I acknowledge, and dreadfully derogatory of an heorine's dignity; but if it be as new in common life, the credit of a wild imagination will at least be all my own. Welch eine reflektierte Ironie und Doppeldeutigkeit einmal mehr aus diesen Zeilen spricht! Am Ende überlässt es Jane ihren Leserinnen, sich über die Absicht des Buches klar zu werden: I leave it to be settled by whomsoever it may concern, whether the tendency of this work be altogether to recommend parentel tyranny or reward filial disobedience.

Nothanger Abbey kann als education of a heroine in einer consciously designed novel angesehen werden, wie es Gill & Gregory in: Mastering the Novels of Jane Austen formulieren. Austen macht in reflexiver Weise den Umgang und die Erfahrung mit Literatur im gesellschaftlichen Kontext zum Thema, indem sie mit subtiler Ironie und hintersinnigem Humor die Erziehung einer jungen, gewöhnlichen Heldin beschreibt, die beim Lesen von Schauerromanen eine größere Erregung spürt und Gefahr wittert als im Umgang mit wirklich gefährlichen Menschen ihrer Umgebung. Im Fortgang ihrer Bildung hat sie die vielfältigen Beziehungen zwischen dem gesellschaftlichen Leben, der menschlichen Natur und der Kunst des Lesens zu meistern; geht es doch beim Erwachsenwerden darum, scheinbare von echten Freundschaften zu unterscheiden lernen, erdachte Gründe nicht mit wirkenden Ursachen zu verwechseln und mehr dem gesunden Menschenverstand zu vertrauen als sich in Träumereien und Phantasien zu ergehen. Austen gestaltet den Lernprozess ihrer Heldin, indem sie Catherine jeweils symmetrischen Gegensätzen aussetzt, die ihr in den Büchern vorkommen, als Orte widerfahren oder in den Personen begegnen, wie z.B.: Frauenliteratur vs. Schauerroman, Bath vs. Northanger Abbey, Selbstbewusstsein vs. Egozentrik, Freundschaft vs. Nützlichkeit, Liebe vs. Geldgier. Die geneigte Leserin wird gut daran tun, den Roman mehrfach zu lesen. Es werden sich ihr stets neue Zusammenhänge erschließen.

Mir ist aufgefallen, dass Austen den wohl sympathischsten Charakter einem Pfaffen zuschreibt und zwei Soldaten als Schurken aufzeigt. Bringt sie damit die Wichtigkeit des Christentums zur Ausbildung einer moralisch-integren Persönlichkeit zum Ausdruck und hebt den demoralisierenden Einfluss des Militärs hervor? In Pride and Prejudice ist es ebenfalls ein Soldat, den Austen zugleich als charmanten Verführer weiblicher Unschuld und ruchlosen Amoralisten seiner Familie gegenüber vorführt. Und in Mansfield Park schreibt sie: Admiral Crawford was a man of vicious conduct. Geht ein Admiral seinem unsittlichen Lebenswandel nach, empfiehlt sich der Heldin wiederum ein Pfaffe als liebenswerter Gatte; wobei es ebenso wie Edmund der schüchtern-gefühlskontrollierte Edward in Sense and Sensibility ist, der als moralisch-integrer Pfaffe das Herz der Heldin gewinnt. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und einseitige Charakterisierungen ihrer Romanfiguren sind Austens Sache nicht. In Pride and Prejudice wie in Emma werden Pfarrer unverhohlen als kleinkariert und geldgierig parodiert. Ganz entsprechend sind es in ihrem letzten vollendeten Werk Persuasion ebenso wie in Sense and Sensibility Soldaten, die sich als wahre Gentlemans erweisen und es wert sind, geheiratet zu werden. Kirche und Militär bilden mit dem Adel die drei Garanten der Macht in der Monarchie. Grundrente, Glaube und Gehorsam stehen für die gesellschaftliche Trias des Landadels und stellen den wiederkehrenden Kontext in den Romanen Austens dar. Bleibt der religiöse Glaube stets fraglos unangetastet oder wie selbstversändlich im Hintergrund, kann eine außergewöhnliche Liebe dem Versorgungsanspruch ihrer Heldinnen im Zweifelsfall den Rang ablaufen und mit dem Gehorsam ihrer Familie gegenüber steht es auch nicht immer zum Besten, hinterfragen oder widersetzen sich die Ehekandidatinnen doch nicht selten der väterlichen Autorität.

Die demoralisierende Wirkung des Militärs auf die Zivilgesellschaft hatte Ende des 18. Jahrhunderts in deutschen Landen der Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz in seinen Stücken zum Thema gemacht. Seine Komödie Soldaten erschien 1776: O Soldatenstand, furchtbare Ehlosigkeit, was für Karikaturen machst du aus den Menschen! Der alles beherrschenden Banalität des Alltags setzte er mit seinem virtuosen Stückaufbau eine neue Dramaturgie entgegen. Ihre kunstvoll kontrapunktische Struktur wusste erst eine Generation später Georg Büchner zu würdigen. Das wechselvolle Leben des J.M.R. Lenz, dem das Schreiben zur Lebenshilfe wurde, ist wiederholt literarisch verarbeitet worden und wird wohl auch in Zukunft noch manchen Träumer auf seinem Weg in den Wahn begleiten. Wie Sigrid Damm zu berichten weiß, war Lenz mit dem jungen Goethe befreundet und unterhielt eine Brieffreundschaft mit Sophie Laroche, die mit ihrem Roman Fräulein von Sternheim weit bekannt und zu einer umschwärmten Autorin geworden war. Auch Lenz ging aus einer Pfarrersfamilie hervor und machte sich früh über die Moralität der Leiden des jungen Werther Gedanken. Ganz Sturm und Drang ging es ihm um die wirklichen Gefühle der Menschen in all ihren Ausprägungen und Schattierungen. Ob Jane Austen Lenz und La Roche gelesen hatte, ist nicht bekannt. Mit dem Theater hat sie sich aber seit Kindertagen immer wieder beschäftigt. Und so nimmt es nicht wunder, dass sie in ihrem wohl besten Roman Mansfield Park ein Theaterstück verarbeitet, nämlich August von Kotzebue's Das Kind der Liebe von 1790. Unter dem Titel Lovers' Vows war es 1798 in London erschienen. Wie Grawe in seinem Nachwort zu Mansfield Park ausführt, war Kotzebue's Realismus äußerst populär in England. In Das Kind der Liebe geht es um die melodramatische Geschichte einer Waise und ihres priesterlichen Vormunds, die einen schweren Kampf gegen ihre wechselseitige Liebe kämpfen. Das Stück kulminiert in dem Triumpf der Liebe über den Standesdünkel; war also ganz nach Janes Geschmack. Wie Austen in ihrem reifen Meisterwerk Kunst, Politik, Moral und Religion anhand der Geschicke des einfachen Mädchens Fanny Price wohl formuliert zu einem großen Roman komponiert, werde ich sogleich weiter verfolgen.


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ingo 2009-06-14